Wende? Ibiza-Drahtzieher verhaftet, „Hauptdarsteller“ frohlocken

Das Video mit Strache und Gudenus sorgte für das Aus von Schwarz-Blau II. Jetzt wurde der Detektiv H. festgenommen. Kommt es zu einer Wende in der Causa?

Eine der Schlüsselfiguren im Ibiza-Video, der Privatdetektiv Julian H., wurde in Berlin festgenommen.
© SPIEGEL/S†DDEUTSCHE ZEITUNG

Wien, Berlin – Das knapp sieben Stunden dauernde Ibiza-Video war allgemein bislang nur in Sequenzen bekannt, die einst von Süddeutscher Zeitung und Spiegel veröffentlicht worden sind. Die Ausschnitte reichten für den tiefen Fall des langjährigen FPÖ-Obmannes Heinz-Christian Strache und für das vorzeitige Scheitern des Kabinetts Sebastian Kurz I aus. Das war im Mai 2019.

In der Vorwoche entschied der Verfassungsgerichtshof, dass den Abgeordneten des Ibiza-Untersuchungsausschusses das komplette Video ausgehändigt werden muss. Zuvor hatten sich SPÖ, FPÖ, NEOS und auch die Grünen an die Höchstrichter gewandt, weil der Ausschuss nur eine teils abgedeckte Version des Videos und geschwärzte Transkripte erhalten hatte. Diese Vorgehensweise hat der Verfassungsgerichtshof nicht akzeptiert.

Kaum war die Freude der Opposition verhallt, kam die Meldung aus Deutschland. Der mutmaßliche Drahtzieher des Ibiza-Videos ist gefasst. Julian H. wurde in Berlin festgenommen. Er war gerade von einer Auslandsreise zurückgekehrt. Die Staatsanwaltschaft Wien, die gegen H. ermittelt, hofft nun auf die baldige Überstellung nach Österreich. Das könnte aber einige Zeit dauern. Derweil freuen sich die beiden „Hauptdarsteller“ des Videos, Strache und (Ex-FPÖ-Klubchef) Johann Gudenus, sowie die Fraktionen im Ibiza-U-Ausschuss.

Strache: „Ich wünsche ihm eine artgerechte Behandlung“

Julian H., ehemaliger Sicherheitsberater mit einer Detektei in München, soll das Video auf Ibiza im Jahr 2017 inszeniert haben. Er ist auch als Begleiter des Lockvogels, einer vermeintlichen Oligarchen-Nichte, in einer Nebenrolle zu sehen. H. ist nach Bekanntwerden des Videos untergetaucht. Er wurde per internationalem Haftbefehl gesucht.

„Ich freue mich über die Festnahme nach so langer Zeit – und hoffe auf rasche und restlose Aufklärung und auch auf die Aufdeckung der weiteren Mittäter, Auftraggeber und Hintermänner“, sagt Strache. „Ich wünsche ihm eine artgerechte Behandlung“, erklärt Gudenus in Richtung des Festgenommenen.

Auch Fraktionsvertreter im U-Ausschuss steckten mit der Festnahme ihre Erwartungen hoch, nicht zuletzt die FPÖ. So erhofft sich nun der freiheitliche Fraktionsführer Christian Hafenecker Auskunft darüber, ob das Video Parteien angeboten wurde. Der SPÖ-Abgeordnete Jan Krainer erwartet sich, „dass sich die ,Soko Tape‘ mit der gleichen Ausdauer dem Hauptstrang des Ibiza-Komplexes, nämlich der mutmaßlichen Käuflichkeit der türkis-blauen Bundesregierung“, widmet. Ebenso die NEOS, deren Fraktionsführerin Stephanie Krisper ihre Hoffnung auf die „Verve“ der Soko bei den inhaltlichen Ermittlungen setzt und hofft, nun mehr über die Auftraggeber des Videos zu erfahren. „Vieles, was Strache in diesem Video angekündigt hat, ist später tatsächlich umgesetzt worden. Nur nicht von ihm selbst und wesentlich professioneller“, meint die Fraktionsführerin der Grünen im U-Ausschuss, Nina Tomaselli. Anders die Schwerpunktsetzung von ÖVP-Fraktionsführer Wolfgang Gerstl, der auf das eigene Ladungsverlangen von Julian H. verweist und konstatiert: „Wir nähern uns damit den Video-Machenschaften von FPÖ und SPÖ.“

Trotz der Vorwürfe gegen ihn unterließ es H. nicht, selbst Prozesse anzustrengen. So erlitt die deutsche Zeit eine Niederlage vor Gericht, da sie über das angebliche Vorleben des Mannes berichtet hatte. (misp)


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