Beim Wettkampf antreten oder doch absagen? Das ist hier die Frage ...

Die Frage, ob Entsendungen zu Wettkämpfen während der Corona-Zeit verantwortbar sind, wird konträr beantwortet – sogar im selben Verband.

Auf eigene Verantwortung als einzige Österreicherin bei der EM in Mersin dabei: Elisa Hämmerle.
© Simone Ferraro

Von Sabine Hochschwarzer

Innsbruck –Österreichs Turner feierten am Wochenende in Mersin historische Erfolge: EM-Silber von Vinzenz Höck, vier Finalteilnahmen und Platz sechs des Teams. Österreichs Turnerinnen fahren hingegen nicht an die syrische Grenze: zu hohes Risiko aufgrund des Coronavirus, entschied der österreichische Turnverband ÖFT. Einzig Olympia-Starterin Elisa Hämmerle, die in den Niederlanden trainiert, turnt ab morgen in der Türkei – aber auf eigene Verantwortung.

Eine Sportart, zwei Sparten und unterschiedliche Ansätze – die konträren Entscheidungen im ÖFT stehen stellvertretend für den derzeitigen Umgang mit dem Coronavirus. Österreichs Frauen sind jedenfalls nicht die Einzigen, die bei der EM fehl(t)en. Mit Deutschland und Russland verzichteten die erfolgreichsten EM-Nationen, ebenso wie die Niederlande oder Italien – auch weil die EM nicht mehr als Olympia-Quali zählt.

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„Wir haben lange diskutiert“, beschreibt Fabian Leimlehner, Sportdirektor der Turner. Aufgrund eines Konzepts, der Zusage des Bundesheers (als Dienstgeber einzelner Aktiver) und nach Abklärung mit Versicherungen entschloss man sich zu starten: „Es war ein hartes Jahr ohne Wettkämpfe und deshalb wichtig.“ Kollegin Eva Pöttschacher, Sportdirektorin der Turnerinnen, sieht die Sache aber anders: „Das Risiko in einem Land mit der Reisewarnstufe sechs zu turnen, ist groß.“ Quarantäne- oder Krankenhausaufenthalte (auch bei Verletzungen), Probleme mit Dienstgebern – „zu viele Unsicherheitsfaktoren“, findet Pöttschacher. Zumal die Umstände bei den Damen ohnehin andere seien: Im Unterschied zu den Herren, die nahezu alle im Stützpunkt in Innsbruck mit einem Nationaltrainer sowie jenem der Junioren turnen, trainieren sie an unterschiedlichen Orten – ohne Nationalcoach und Bundesleistungszentrum. „Eine Blase, wie bei den Herren, wäre also nicht so leicht möglich gewesen“, sagt die ÖFT-Verantwortliche. Dazu komme, dass einige EM-Starterinnen noch minderjährig seien – Turnerinnen sind mit 16 Jahren bereits in der Eliteklasse, Turner hingegen mit 18 Jahren noch Junioren: „Die Verantwortung ist da einfach zu groß.“

Für die Herren hat sich das Risiko gelohnt. So erfolgreich wie in Mersin war der ÖFT bei einer EM noch nie (obwohl Höck unter „normalen“ Umständen auch Medaillenkandidat gewesen wäre). Andere Nationen hatten allerdings Probleme: Turner aus Aserbaidschan und Serbien mussten etwa in Quarantäne. „Ich weiß schon: In zwei Jahren redet man nicht mehr darüber, ob Corona war oder nicht. Die Ergebnisse bleiben“, sagt Pöttschacher und warnt: Wer auf Fördergelder angewiesen sei, blende womöglich Risiken aus. Leimlehner freut sich über die Erfolge, kann die Bedenken der Kollegin aber jedenfalls verstehen: „In dieser Situation jetzt gibt es kein Richtig oder Falsch.“


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