Hilferuf aus Bolivien: Familien droht der Hungertod

Die Corona-Krise hat die Situation der armen Bevölkerung in Bolivien verschlimmert. Der Verein Brillos um Primar Spechtenhauser finanzierte mit Tiroler Spenden Suppenküchen.

Schwester Rosa Maria mit von ihr versorgten Kindern.
© Otter

Von Wolfgang Otter

Kufstein, Santa Cruz – „Sieben Monate komplette Quarantäne, aus diesem Grund keine Arbeit, keine Medizin, keine Nahrung. Ältere wurden verlassen, Kinder vernachlässigt, Kranke wegen der fehlenden Mittel nicht behandelt. Diese Realität sehen wir und spüren wir täglich“ – in einem Brief beschreibt die Ordensschwester Rosa Maria aus Santa Cruz die durch Corona noch düsterer gewordenen Lebensbedingungen in Bolivien – dem Armenhaus der Welt.

Vor der Essensausgabe der Ordensschwestern bilden sich lange Schlangen.
© Otter

Empfänger dieses Briefes sind der Kufsteiner Krankenhaus-Primar Bernhard Spechtenhauser und die Tiroler Tageszeitung. Spechtenhauser hat vor knapp zwanzig Jahren in Zusammenarbeit mit dem Ordenshaus von Sr. Rosa Maria, den Arenberger Dominikanerinnen, damit begonnen, über das Projekt „Brillos“ besonders den Straßenkindern zu helfen. Aus der Einmann-Initiative wurde ein eingetragener Tiroler Verein, der sich rund um Spechtenhauser um die Aktivitäten im südamerikanischen Land kümmert.

Im Februar 2020, kurz bevor durch Corona weltweit die Grenzbalken fielen, konnte Spechtenhauser das „jüngste Kind“ des Vereins inoffiziell eröffnen: eine noch nicht ganz fertige Schule für Behinderte. Der Mediziner und die Ordensschwester sind seither fast täglich in Kontakt. „Man braucht jemanden wie sie vor Ort, um alles das zu schaffen“, sagt Spechtenhauser. Immerhin sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten an die zwei Millionen Euro an Spendengeldern aus Österreich und Tirol in Hilfsprojekte in Bolivien geflossen.

Doch in der jüngsten Zeit waren es weniger Bauwerke, sondern mehr die Versorgung mit Essen, um die es ging. Zigtausende Familienväter haben ihre Arbeit verloren, auch weil sie einen PCR-Test machen sollten, auf eigene Kosten – mehr oder weniger wäre ein ganzer Monatslohn dafür zu bezahlen gewesen. In einem Land ohne soziale Struktur, wie Österreich sie hat, droht damit einer ganzen Familie der Hungertod. Eine adäquate medizinische Versorgung ist ohnedies nur für die Begüterten des Landes vorhanden und 60 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. „Sie können sich keine Betreuung in den Spitälern oder notwendige Medizin leisten. Das hat sehr viele dazu getrieben, sich selbst zu behandeln oder auf die Naturmedizin zurückzugreifen“, berichtet Schwester Rosa Maria.

„Diese Situation hat uns kreativ für karitative Hilfen gemacht. So entstand die Suppenküche in den verschiedenen Vierteln“, schreibt die Ordensschwester. An die 5000 Familien wurden dadurch während der kritischen Zeit der Pandemie in Bolivien von Mai bis August versorgt. Wie sich zeigte, besteht weiter dringender Bedarf an dieser Essensausgabe. „Aus diesem Grund haben wir öffentliche Küchen eröffnet, um vielen die Möglichkeit der Arbeit zu geben und auch ihr tägliches Brot“, schildert die Schwester weiter. Ohne Hilfe aus Tirol wäre all das nicht möglich gewesen.

Primar Bernhard Spechtenhauser versucht mit dem Tiroler Verein Brillos den bitterarmen Menschen zu helfen.
© Brillos

Doch die Hoffnung, dass sich in den nächsten Monaten die Situation zumindest bezüglich Corona bessert, lässt die Helferinnen durchhalten. Die unermüdlich für die Ärmsten arbeitenden Ordensschwestern wollen ihr „Traumprojekt“, wie sie es nennen, dann weiter vorantreiben. Die Einrichtung, das Arbeitsmaterial und einen Therapieraum für die Schule für Behinderte. Zugleich will man mit Hilfe von „Brillos“ eine kleine Fabrik für Papiertüten, eine Bäckerei realisieren, wo Menschen Arbeit finden. Es gibt aber auch die bestehenden Schul- und Ausbildungsprojekte, bei denen junge Menschen eine Chance bekommen. „Und wie sich zeigt, sind diese dann auch bereit, wieder zu teilen, wenn sie Arbeit haben“, freut sich Spechtenhauser. So wird durch das Projekt Hilfe zur Selbsthilfe. „Viele Leben sind durch die Solidarität und grenzenlose Hilfe von ,Brillos‘ gerettet worden“, schreibt die Ordensschwester abschließend in ihrem Brief.

Heuer waren durch Corona die Spendeneinnahmen gebremst. „Veranstaltungen konnten nicht stattfinden, ich musste auch geplante Vorträge absagen“, erzählt Spechtenhauser, der aber durch viele private Spender auch 2021 die Unterstützung fortsetzen kann.

Wer Helfen will

IBAN AT88205060770000 1717, BIC SP-KUAT22.

Weitere Infos: www.brillos.net


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