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Bischof Glettler im Interview: „Kultur des Lebens beschädigt“

Das Sterbehilfe-Urteil hat Bischof Glettler „erschüttert“, in der Flüchtlingsfrage hofft er noch auf ein Umdenken der Regierung. Die schwache Beteiligung an den Corona-Tests ist für ihn enttäuschend.

Bischof Glettler hofft, dass die Regierung in der Flüchtlingsfrage doch noch umdenkt.
© Vanessa Rachlé / TT

Wie beurteilen Sie die Höchstgerichts-Urteile zu Sterbehilfe und zur Aufhebung des Kopftuchverbots?

Hermann Glettler: Um das politisierte Stück Stoff mache ich mir nicht die große Sorge. Das Sterbehilfe-Urteil hingegen hat mich erschüttert. Damit wurde eine „Kultur des Lebens“ ernsthaft beschädigt. Wenn in persönlichen Krisensituationen Menschen den Wunsch, sterben zu wollen, äußern, dann steht meist eine Ausweglosigkeit und Verzweiflung dahinter. In einem solchen Moment braucht es menschlichen Beistand und nicht die Hilfestellung zur Selbsttötung.

Benötigt es aus Ihrer Sicht eine Gesetzesänderung?

Glettler: Die noch geltende Gesetzeslage hätte vollkommen ausgereicht, um durch Patientenverfügung und andere Instrumente uns allen ein Sterben in Würde auch rechtlich sicherzustellen. Der Einsatz einer hochtechnisierten Intensivmedizin kann tatsächlich oft ein endlich auch Sterben-Dürfen unnötig hinauszögern. Wir dürfen den konkreten Menschen nicht aufgeben, auch wenn er sich selbst aufgegeben hat. Der Begriff der Selbstbestimmung hat ebenso seine Grenze. Wer gibt denn künftig rechtlich exakt vor, in welchen Fällen eine assistierte Selbsttötung erlaubt ist und in welchen Fällen nicht?

Das Sterbehilfe-Urteil hat Glettler erschüttert.
© Vanessa Rachlé / TT

Sie waren im Flüchtlingslager auf Lesbos. Was sagen Sie Menschen, die finden, wir haben im Moment genug eigene Probleme?

Glettler: Not, Kälte und Heimatlosigkeit tun überall auf unserer Welt gleich weh. Das Gefühl der Nähe stellt sich immer dann ein, wenn man in persönliche Lebens- und Leidensgeschichten eintaucht. Begegnung berührt und nimmt in die Pflicht, für den Nächsten da zu sein. Die aktuelle Notlage auf Lesbos erlaubt meiner Meinung nach keine theoretische Diskussion, wer mehr oder weniger leidet. Natürlich können wir nicht bei allen Krisenherden in gleicher Weise präsent sein und helfen. Außerdem befinden sich Lesbos und die anderen vier benachbarten Inseln, wo sich jetzt das Flüchtlingselend abspielt, in Europa.

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