Franz von Defregger: Ein Malerfürst mit zwei Seelen in der Brust

Das Ferdinandeum zeigt Franz von Defregger, wie man ihn kennt, aber auch Facetten seiner Kunst, die neu zu entdecken sich lohnt.

Franz von Defregger, wie man ihn nicht kennt: „Ruhender weiblicher Halbakt“, um 1890.
© Tiroler Landesmuseen

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Franz von Defregger, dessen Todestag sich im kommenden Jahr zum 100. Mal jährt, war im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ein absoluter Superstar. Durch ein Geschäftsmodell, das den 1835 in Dölsach geborenen Großbauernsohn zu einem der reichsten Künstler seiner Zeit gemacht hat, verkauften sich seine Sehnsuchtsbilder einer bäuerlichen „heilen Welt“ genauso wie seine höchst parteiisch zelebrierten Historienbilder doch bis in die USA.

Die von Peter Scholz gemeinsam mit Angelika Irgens-Defregger und Helmut Hess kuratierte, mit wichtigen Leihgaben aufgefettete landesmuseale Schau durchleuchtet das Phänomen Defregger in diversen Facetten, die teilweise komplett unbekannt sind. Und plötzlich versteht man auch, warum es der Lieblingsmaler von Adolf Hitler durchaus wert sein soll, wiederentdeckt zu werden. Weil er es eben auch anders konnte, als in akademischer Glätte Andreas Hofers letzten Gang oder bäuerliche Idyllen auf großen Leinwänden opulent zu zelebrieren. Schaut doch das, was er nicht für den Kunstmarkt, sondern allein für sich malte, komplett anders aus. Und gerade dieser kaum bekannten Seite Defreggers gilt das zentrale Interesse der ausstellungsarchitektonisch atmosphärisch zelebrierten musealen Schau.

Da geht es etwa um den jungen Osttiroler, der vor seiner Aufnahme in die Klasse des Historienmalers Franz von Piloty an der Münchner Akademie – auf dessen Lehrstuhl er später selbst 32 Jahre lang sitzen sollte – zwischen 1863 und 1865 in Paris gelebt hat, um dort den sehr freien Umgang im Abbilden der Wirklichkeit kennen zu lernen. Eine Erfahrung, die ihn lebenslang zu einem zutiefst Gespaltenen machen sollte. Hin- und hergerissen zwischen dem, was für ihn künstlerisch richtig war, und dem, was man von ihm als „Malerfürst“ erwartete.

Dieses Dilemma zeichnet die Ausstellung eindrucksvoll nach. Angefangen mit den frühen Fingerübungen eines noch Suchenden bis zu seinem berühmten Selbstporträt von 1883, das einen Mann zeigt, der es geschafft hat. Perfekt gemalt, ganz im Gegensatz zum Porträt des „Lorenz Gedon“ daneben, das in der Art, wie hier das Farbige und Formale sich auflösen, ungemein modern daherkommt.

Die Schau zeigt aber auch den Defregger, wie man ihn kennt. Den Maler, der in seinen Genre- und Historienbildern – etwa im Gegensatz zu seinem Landsmann Mathias Schmid – sämtliche Klischees bediente, so verlogen sie auch waren. Um trotzdem millionenfach in den unterschiedlichen technischen Varianten kopiert und reproduziert zu werden, was den alpinen Tourismus im späten 19. Jahrhundert wesentlich ankurbeln sollte. Wie sehr sich Defregger allerdings selbst überlebt hat, zeigt sich im Nebeneinander seiner Arbeiten mit gleichzeitig u.a. von Ernst Ludwig Kirchner, Heinrich Campendonk oder Vincent van Gogh gemalten nahezu identischer Sujets.

Info

Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. Museumstraße 15, Innsbruck; bis 11. April, Di–So 10–18 Uhr


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