Lockdown-Oper „L.I.T.A.N.I.E.S.“: Litaneien für das Danach

Trance-Gebete in Heimarbeit: Für die Lockdown-Oper „L.I.T.A.N.I.E.S.“ holte sich der belgische Komponist Nicholas Lens Nick Cave als Librettisten.

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Nicholas Lens (l.) und Nick Cave arbeiteten 2014 für „Shell Shock“ zusammen. Auch für Lens’ neue Oper lieferte Cave das Libretto.
© Fabrice Giraud

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Eine Litanei ist eine Form des gemeinsamen Gebets, ein Wechselgesang mit meditativem Charakter, erklärt das Online-Lexikon. Auch Nick Cave musste nachschlagen, was genau eine Litanei ausmacht. Dabei hatte er schon zugesagt, zwölf davon zu schreibe­n. Trotzdem eine gute Entscheidung, weil der austra­lische Rockpoet schließlich erkannte, er habe zeit seines Lebens nichts anderes als Litaneien geschrieben.

Binnen einer Woche lieferte er im April 2020, mitten im Lockdown, jene Abfolge von Bittgebeten ab, die der belgische Komponist Nicholas Lens erbeten hatte. Entstanden ist daraus die Lockdown-Oper „L.I.T.A.N.I.E.S.“ Darauf zu hören sind aber weder Nick Cave selbst noch die für seine düstere Musik gewohnten Instrumente. Nicholas Lens komponierte eine Kammeroper mit einem elfköpfigen Ensemble.

Da und dort fiedelt eine Geige, hie und da formen die Streicher ein Thema. Dazwischen klagen, flehen, singen sich Stimmen mantraartig in Trance. Aufgenommen und eingespielt wurden die Stücke im Home-Office, einzeln in aufwändiger Heimarbeit in Lens’ Heimatstadt Brüssel.

Während es Nick-Cave-Fans auf dieser LP an Nick Cave fehlen wird, dürften Opernpuristen in diesem Stück Neoklassik deutlich umrissene Figuren und eine klare Handlung vermissen. Lens schlägt deshalb vor, die Komposition als Träume wahrzunehmen, als „einstündige Reise, die den Zuhörer in seltsame Regionen führt“.

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Caves Libretto umreißt ein ganzes Menschenleben, von der Geburt (etwa in „Litany of First Encounter“) hin zum Aufblühen eines Individuums („Litany of Blooming“) und dem Zerbrechen („Litany of Fragmentation“); und damit es nicht zu irdisch ist, enden die Litaneien auch erst im Danach, bis zur „Divine Presence“.

Richtig zu verorten sind Cave­s fantastische Reisen eigentlich schon vorher nicht: „Ther­e exists a moment in / There exists a moment in between / A moment in between / The waking horror / And the sleeping dream“, fleht die Stimme in „Litany of the Sleeping Dream“. Aber Spiritualität ist man von Cave ja gewohnt.

Lens arbeitet bewusst mit Künstlern zusammen, für die Oper Neuland ist. Caves damit authentischer, sprachlicher Zugang faszinierte ihn seit ihrer Zusammenarbeit für „Shell Shock“, Lens’ bisher publikumsträchtigstes Projekt, das 2014, hundert Jahre nach dem Beginn des 1. Weltkriegs, anonyme Kriegsopfer zu Wort kommen lässt. Cave lieferte dafür zwölf „Cantos“. Aber auch seine aktuellen Litaneien sind nicht weniger eindringlich, sie machen „L.I.T.A.N.I.E.S.“ zu eine­m auch für Cave-Fans überraschenden Experiment.

Neoklassik Nicholas Lens, Nick Cav­e: L.I.T.A.N.I.E.S. Deutsche Grammophon/Universal Music.


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