Caritas pocht auf versprochenen „Pakt gegen Einsamkeit“

Allein in Wien leben 118.000 allein stehende Senioren, österreichweit ist es über eine halbe Million. Wegen der Corona-Pandemie kann das vor Weihnachten übliche Sozialangebot heuer nur eingeschränkt stattfinden. Die Caritas drängt daher auf den vom Kanzler schon im Sommer angekündigten „Pakt gegen Einsamkeit“ und einen eigenen Regierungsbeauftragten. Einsamkeit ist aber nur ein Grund für die Zunahme psychischer Probleme in der Pandemie. Und betroffen sind nicht nur Ältere.

Österreichweit zählt die Statistik Austria fast 1,5 Millionen „Einpersonenhaushalte“, das entspricht etwa einem Sechstel der Bevölkerung (17 Prozent) und mehr als einem Drittel aller Haushalte (38 Prozent). Deutlich mehr sind es in Wien: hier machen die Einzelhaushalte 44 Prozent (bzw. 21 Prozent der Bevölkerung) aus. Somit lebt fast hinter jeder zweiten Wohnungstüre in der Hauptstadt ein Single. Drei von zehn Alleinlebenden (118.000 oder 29 Prozent) sind 65 Jahre oder älter.

Besonders hoch ist der Anteil der alleinlebenden Senioren in der Per-Albin-Hansson-Siedlung in Favoriten, wie die APA/OGM-“Grätzlanalyse“ auf Ebene der Wiener Stadtviertel zeigt. Hier lebt in fast jeder vierten Wohnung ein Single ab 65. „Wie in vielen Großwohnsiedlungen der Nachkriegszeit sind auch dort beim Erstbezug vorwiegend jüngere Personen eingezogen, die heute im Pensionsalter sind und von denen viele schon ihren Lebenspartner verloren haben“, erklärt Johannes Klotz von OGM. Auch das Arsenal, Neukagran und Kaisermühlen liegen mit 17 bis 20 Prozent über dem Wiener Durchschnitt.

Vergleichsweise wenige Single-Senioren gibt es dagegen in Neubaugebieten wie der Seestadt und dem Sonnwendviertel (zwei bis drei Prozent). Hoch ist der Anteil der allein lebenden Senioren aber in den eher bürgerlich geprägten Stadtvierteln im Westen Wiens, etwa Speising (20 Prozent der Haushalte) sowie Neuwaldeg und Sievering (19 Prozent). Klotz erklärt das auch mit der höheren Lebenserwartung in diesen vergleichsweise wohlhabenden Stadtteilen. Ihre höhere Lebenserwartung ist, gemeinsam mit dem niedrigeren Alter der Frauen bei der Hochzeit, auch der Grund, weshalb sieben von zehn alleinstehenden Senioren in Wien Frauen sind.

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Hilfsorganisationen und Psychologen beobachten schon seit Ausbruch der Pandemie eine deutliche Zunahme der Einsamkeit. Die Caritas startete deshalb im April ein „Plaudernetz“, bei dem Freiwillige aus ganz Österreich als Gesprächspartner zur Verfügung stehen. Rund 8.000 Anrufe wurden bisher vermittelt. Die Seniorenklubs und Pensionistenwohnhäuser der Gemeinde Wien vermitteln (neben Einkaufshilfe und Begleitung zum Arzt) auch persönliche Gesprächspartner. Sie stehen auch an den Weihnachtstagen bereit. Der Plausch in der Wohnung ist heuer jedoch untersagt. Gespräche dürfen nur draußen stattfinden - mit Mund-Nasen-Schutz.

Bereits im Sommer hat die Regierung außerdem einen „Pakt gegen Einsamkeit“ in Aussicht gestellt. Nach der Ankündigung durch Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) im August und einem „Runden Tisch“ im Kanzleramt im September sei allerdings nichts geschehen, kritisiert Caritas-Präsident Michael Landau. Er plädiert für einen eigenen Regierungsbeauftragten für das Thema. Denn Einsamkeit sei zu einer „Zivilisationskrankheit“ geworden, „die durch die Pandemie noch einmal deutlich verschärft worden ist“. Und zwar nicht nur für die ältere Generation.

„Einsamkeit ist ein Faktor, der mit der höheren psychischen Belastung korreliert“, bestätigt auch Christoph Pieh von der Donau Uni Krems. Laut mehreren vom Professor für Psychosomatische Medizin und Gesundheitsforschung durchgeführten Befragungen haben Depressionen, Ängste und Schlafstörungen in der Pandemie massiv zugenommen. Er hält Einsamkeit aber nur für eine von mehreren und möglicherweise nicht die hauptsächliche Erklärung. Infrage kommen auch die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie: Zukunftsängste und Jobverlust. Zumal der Anstieg bei den unter 35-Jährigen besonders stark ausgefallen ist. Welche Faktoren besonders belastend wirken, will Pieh nun mit einer vierten Befragungswelle ergründen. Die Studie startet kurz vor Weihnachten.


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