Kunst aus Tirol: Naturvertrauen und Rückzugsorte

Die letzten Kunsterlebnisse vor dem dritten Lockdown: Noch bis zum 23. Dezember sind die Arbeiten von Jan Kössl und Elmar Peintner in Innsbruck bzw. in Imst zu sehen. Beide Ausstellungen sollen im Jänner weiterlaufen.

Schrott oder Kunst? Jan Kössl stellt Objekte, die von Zeit und Natur bearbeite­t wurden, in den Mittelpunkt seiner Ausstellung.
© Kössl

Innsbruck – Nicht die offenkundige Schönheit ist die höchste, sondern die verhüllte. Dem japanischen Ästhetikkonzept „Wabi-Sabi“ folgend, ist nicht eine perfekte, industriell gefertigte Teetasse die schönste, sondern jene, bei der die Glasur splittert, vielleicht sogar der Henkel fehlt. Diese Tasse hat als Objekt höheren Wert, sie erzählt eine Geschichte. Streng nach dieser Ordnung suchte der Innsbrucker Jan Kössl Objekte aus, die von der Zeit beschrieben wurden; Sie sind für ihn reine Kunst. Diese objets trouvés zeigt Kössl neben Fotos von Florian Sigl, der Kössl stets begleitet, aktuell in der Galerie A4.

Von Natur geformtes Metall

Als Besucher trifft man dort auf Minimalistisches, ein von der Natur geformtes Stück Metall, ebenso wie auf groß­e, unverrückbare Fässer, die zerbeult und angerostet wahrscheinlich schon geraume Zeit im Freien sich selbst überlassen wurden. Kössl, der als auto­didaktischer Künstler und bald auch Modemacher tätig ist, fand die Objekte in Industriebrachen in und um Innsbruck. Die Objekte sind, wie auch die bauchigen Flaschen, die am Eingang der Galerie aufgereiht stehen, Gebrauchsgegenstände, die ihre Funktion längst verloren haben. Erst durch das Einbringen in einen Kunstkontext werden sie zu Kunst geadelt – ein Vorgang, den Kunstschaffende seit Marcel Duchamp vor über hundert Jahren perfektioniert haben.

Im Falle von Kössl lohnt es sich, mehr noch als über die Objekte, über das Konzept des Wartens (mit „warten“ betitelt er die Schau) zu sprechen: Der Fokus seines künstlerischen Tuns liegt auf dem gemeinsamen Herumstreichen, dem Durchsuchen von vermeintlichem Schrott und der Entscheidung, ob das Gefundene „reif“ für eine neue Funktion ist – oder nicht. Wenn nicht, dann wird abgewartet. Die Natur wird’s schon richten.

Denselben Zugang hat Kössl auch in seinen performativen Arbeiten, etwa seiner siebentägigen Aktion, für die er als Blinder lebte. Die Sinne stellten sich um. Das Vertrauen in die Natur ist da. Man braucht nur abzuwarten. (bunt)

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Imst – Nach sechzehn Jahren ist der Imster Künstler Elmar Peintner wieder einmal mit einer Einzelausstellung in seiner Heimatstadt vertreten. Unter dem Titel „Wetterfühlen“ zeigt er seine in diesem Jahr entstandenen Arbeiten in der Städtischen Galerie Theodor von Hörmann.

Elmar Peintner mit seinem Bild „Nachtbild mit Nest“.
© Hauser

Mit dem Begriff „Wetterfühlen“ verbindet Peintner den für den Menschen seit Urzeiten überlebenswichtigen Instinkt, Naturgewalten richtig einzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten. Aber er denkt dabei auch an die aktuelle Pandemie, die einem Unwetter gleich über Länder und Grenzen hinwegzieht und ein Sich-Zurückziehen, ein Sich-Isolieren bedingt.

Es sind persönliche, im Lockdown gemachte Erlebnisse, Stimmungen und Gefühle, aber auch beobachtete Geschehnisse, die Peintner in unverkennbarem Stil in akribischer Manier niedergeschrieben hat. Mit kleinsten Wohneinheiten als Rückzugsorte, als Zentren persönlicher Reflexionen, wie ein Leuchtturm, ein Hochstand, ein Zelt, ein Schneckenhaus, symbolisiert Peintner tiefste existentielle Zurückgezogenheit, das Zurückgeworfen-Sein des Menschen auf sein Menschsein. Dass mit dem Sich-nach-außen-Abschließen ein Sich-nach-innen-Öffnen und der Wunsch nach einer reinen, unbefleckten Natur einhergeht, lässt der Künstler subtil in sein Werk einfließen.

All den Rückzugsorten ist eines gemein: Als Ort einer idealisierten Reise zu sich selbst sind sie nur sehr bedingt tauglich. Sie sind letztlich dem Ich nicht gewachsen, das Ich findet sich auf sich selbst zurückgeworfen und genügt sich nicht, der Ort wird zur Hölle, man will ihn verlassen, hinaus in die Natur. Peintner weiß um das Spiel mit Bezügen, Identitäten und unfixierbaren Zeiträumen, verdichtet sie Strich für Strich, Punkt für Punkt in seinen Werken.

In einer zweiten Serie von Arbeiten widmet sich Peintner der heimatlichen Bergwelt und spielt mit auf das menschliche „Wetterfühlen“ Einfluss nehmenden feinsten Nuancen. (hau)

Städtische Galerie Theodor von Hörmann

Stadtplatz 11, Imst.

22. und 23. Dezember, 14–18 Uhr.

Von 21. bis 30. Jänner 2021, Donnerstag bis Samstag von 14–18 Uhr geöffnet.


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