TT-Umfrage zeigt: Leistbarer Wohnraum brennt Tirolern trotz Corona unter Nägeln

Der Kampf gegen die Corona-Pandemie und die Rettung von Betrieben und Arbeitsplätzen treiben die Tiroler um. Günstiges Wohnen bleibt aber top.

Die Corona-Krise hat die Themenprioritäten der Tirolerinnen und Tiroler teils verschoben. Das Drängen auf eine politische Lösung für günstigeren Wohnraum bleibt jedoch weiter an der Spitze.
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Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – Viele Themen im Land in diesem in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlichen Jahr 2020 wurden von der Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen auf unser Alltagsleben überlagert bzw. zurückgedrängt. Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen der repräsentativen Umfrage (siehe Faktbox) von „Research Affairs“ im Auftrag der Tiroler Tageszeitung wider.

TT-Umfrage

Eckdaten: Das Meinungsforschungsinstitut „Research Affairs“ hat im Auftrag der Tiroler Tageszeitung vom 2. bis zum 14. Dezember 2020 600 Tirolerinnen und Tiroler ab 16 Jahren repräsentativ befragt. 420 davon online, 180 per Telefon. Die Schwankungsbreite beträgt +/-4,2 Prozent.

Dennoch geben die Tirolerinnen und Tiroler der schwarz-grünen Landesregierung klar vor, welches Problemfeld sie – nach wie vor – weiter prioritär behandelt wissen wollen. Und das ist und bleibt die Schaffung und Ermöglichung von leistbarem Wohnraum im Land. Obwohl im Vergleich zur Vorjahresumfrage von 81 auf 75 Prozent gesunken, bleibt das Wohn-Thema das dringlichste Anliegen, welches von der Politik (noch) stärkere Berücksichtigung finden müsse. Insbesondere die Gruppe der 31- bis 50-Jährigen (80 Prozent) misst diesem Anliegen eine hohe Bedeutung bei.

Mehr leistbarer Wohnraum war auch eines der zentralen Koalitionsversprechen bei der Neuauflage von Schwarz-Grün im Jahr 2018. Allein 2020 seien, wie aus dem Büro der zuständigen Landesrätin Beate Palfrader (VP) bestätigt wird, im Neubaubereich rund 123 Mio. € an Wohnbauförderungsmitteln (WBF) in 1817 geförderte Wohnungen in Tirol geflossen. Zudem wurden knapp 10.800 geförderte Wohnungen mit einem Fördervolumen von 35,8 Mio. € für Sanierungsmaßnahmen unterstützt. Auch rechtlich wurden in der WBF Maßnahmen gesetzt, die auch den gemeinnützigen Bauträgern die überaus schwierige Suche nach günstigen Baugründen erleichtern sollen. So wurden die Fördersätze für verdichteten Wohnbau sowie die angemessenen Grundkosten ebenso wie die angemessenen Gesamtbaukosten angehoben.

Für 2021 sind ein Paket „Junges Wohnen“ (u. a. studentisches Wohnen; Starterwohnungen), eine „Subjektförderung light“ (neue WB-Förderschiene) sowie eine Verbesserung der Beihilfen angekündigt. Allein 2020 wurden über 15.500 Wohn- und Mietzinsbeihilfen (35,4 Mio. €) ausbezahlt.

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Was freilich kaum wundert, schießen doch die Miet- und Immobilienpreise trotz oder wegen Corona weiter durch die Decke. Laut dem Maklerverbund Remax haben sich die Preise für Eigentumswohnungen in Tirol im ersten Halbjahr 2020 im Schnitt um sieben Prozent verteuert.

Arbeitsplätze und Virusbekämpfung folgen auf Prioritätenliste

Die Corona-Pandemie schlägt sich auch in der Prioritätenliste der Bevölkerung nieder. Bereits auf Platz 2 bzw. 3 ergeht der Auftrag an die Landesregierung, Betriebe und Arbeitsplätze zu retten (61 Prozent) sowie den Kampf gegen das Virus noch stärker anzugehen (40 Prozent). Auffallend: Differenziert nach Parteipräferenz ist Letzteres für 55 Prozent der ÖVP-nahen Befragten, jedoch nur für 27 Prozent der FPÖ-Sympathisanten von Wichtigkeit. Schwarz-Grün hat 2020 bereits zwei Konjunktur- sowie ein Hilfspaket in der Höhe von rund 800 Mio. € geschnürt. Mit dem neuerlichen Lockdown dürften wohl weitere Millionen notwendig werden.

© TT

Während die Verkehrsfrage (siehe Faktbox unten) zumindest in der abgefragten Wahrnehmung massiv an Boden verloren hat, ist für immerhin noch 39 Prozent der Befragten ein stärkerer Fokus der Regierung auf den Naturschutz sowie die Ausweisung weiterer Natura-2000-Gebiete wichtig (-8 % zu 2019). Gerade die Gruppe der 16- bis 30-Jährigen (47 %) unterstreicht hier die Bedeutung.

An siebenter Stelle rangiert der Wunsch in der Bevölkerung nach einem weiteren Ausbau der Kinderbetreuung (31 %; 2019: 36 %).

Um gleich zehn Prozentpunkte zurückgegangen ist indes das Thema illegale Migration. Mehr Kontrollen im Tiroler Grenzbereich, um selbige besser einzudämmen, ist nur noch für 31 Prozent der Befragten von Dringlichkeit. Nicht so erwartungsgemäß für FPÖ-Wähler: Sie messen dieser Aufgabe mit 66 Prozent immer noch eine große Bedeutung in der politischen Zielsetzung bei. Ebenso stark zurückgegangen ist der Wunsch nach mehr Polizei, um die Sicherheit in Tirol zu erhöhen. Dieser rutscht im Vergleich zum Vorjahr von Platz sechs (38 %) auf Platz zwölf (21 %) zurück.

Die bessere Integration von Asylwerbern wünschen sich nur noch 26 Prozent der Befragten, auch der Ausbau der Wasserkraft hat in der Prioritätenreihung (24 %; -9 %) der Tirolerinnen und Tiroler den Rückwärtsgang eingelegt.

Nur noch 31 Prozent reihen Verkehrsproblem nach vorne

Über Jahrzehnte dominierte kaum ein anderes Thema den politischen Alltag in Tirol so, wie es das Verkehrsthema getan hat. In erster Linie war und ist das dem Lkw-Transit geschuldet. Doch in den vergangenen Jahren rückten auch immer mehr der Individualverkehr und damit gleichzeitig der Ausbau im öffentlichen Personennahverkehr in den Mittelpunkt des politischen Handelns.

Die Corona-Krise rüttelt nun an dieser Reihung. Und zwar kräftig. In der TT-Umfrage (siehe Grafik und Faktbox rechts) rutschen die Verkehrsthemen in der Prioritätenreihung massiv nach unten. Sahen 2019 noch 56 Prozent der befragten Tirolerinnen und Tiroler eine Verstärkung des Kampfs gegen den täglichen Verkehrskollaps (Nr. 2 hinter der Forderung nach mehr leistbarem Wohnraum) als dringliche Aufgabe der Landesregierung an, so sind dies 2020 nur noch 31 Prozent. Ein Minus von 25 Prozent!

Mit eine Rolle spielen mag hier das Faktum, dass der Individualverkehr in Corona-Zeiten massiv zurückgegangen ist – Stichwort: Reisewarnungen. Waren 2019 noch tirolweit an den Hauptverkehrsrouten großflächige Abfahrverbote nötig, um Pkw-Autobahnfluchtverkehr hintanzuhalten, so mussten diese 2020 lediglich rund um Reutte neuerlich erlassen werden. Der Lkw-Transit hält indes nahezu ungebrochen an. Erst mit Jahreswechsel traten deshalb Verschärfungen beim Euroklassen- und Nachtfahrverbot in Kraft.

Dass nur noch 34 Prozent der Befragten (-19 %) eine Notwendigkeit im weiteren Ausbau der Öffis erkennen, dürfte insbesondere rund um das (umstrittene) 1-2-3-Ticket des Bundes für Debatten sorgen.

Die Europabrücke zu Zeiten des ersten Corona-Lockdowns.
© Thomas Böhm

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