Die gute Geschichte: Begleitung bis zum Lebensende

Wenn Menschen mit Behinderungen keine Angehörigen mehr haben, begleitet sie die Lebenshilfe bis zu ihrem allerletzten Weg.

Beate Weberndorfer begleitet Bewohner in Wohngemeinschaften der Lebenshilfe in Kematen.
© Peter Schafferer/Lebenshilfe

Kematen – Es war vor zwei Jahren um die Weihnachtszeit. Irmgard Mair (Name geändert) lag im Sterben. Die Pensionistin lebte in einer Dreier-Wohngemeinschaft in Kematen. Sie ging in ihrer Freizeit gern spazieren und ins Café, um einen Cappuccino zu trinken. Begleitet wurde sie dabei von ihren Assistentinnen und Assistenten. Sie starb am 5. Jänner 2019.

Beate Weberndorfer begleitet seit 13 Jahren Menschen mit Behinderungen. Diese sind fast alle nach 1945 auf die Welt gekommen. Während des Nationalsozialismus wurden viele Menschen systematisch verfolgt und ermordet. Erstmals werden Menschen mit Behinderungen 70 Jahre und älter. Als Irmgard Mair im Sterben lag, wünschte sich Beate Weberndorfer klarere Richtlinien, wie gute Sterbebegleitung aussehen kann: Was muss man organisieren, damit Sterbende bis zum Schluss zu Hause sein können? Mit wem kann man sich vernetzen? Und wie bleibt man für ihre Wünsche hellhörig?

„Du begleitest einen Menschen auf seinem letzten Weg. Es geht um gute Sterbebegleitung, aber nicht nur. Einen guten Lebensabend zu erleben, beginnt mit einer vorausschauenden Planung“, so Beate Weberndorfer. Die studierte Pädagogin arbeitet als Assistentin in Kematen. Normalerweise ist es ihre Aufgabe, Menschen mit Behinderungen im Alltag zu unterstützen – beim Kochen, bei der Körperpflege und in der Freizeit.

Nachdem Irmgard Mair keine Angehörigen mehr hatte, wurden Selbstverständlichkeiten zu Herausforderungen. „So war es fast unmöglich, ein Begräbnis zu organisieren“, erzählt Beate Weberndorfer. Sie begann sich zu fragen, wie man solche wichtigen Angelegenheiten früh genug und vorsorglich regeln kann. Aus ihrer persönlichen Betroffenheit wurde eine Initiative. Und aus der Initiative ein Pilotprojekt der Lebenshilfe in der gesamten Region. Sie begann sich auf professioneller Ebene damit auseinanderzusetzen und absolvierte einen Hospizlehrgang bei der Caritas. Ziel ist, Menschen mit Behinderungen auch am Lebensabend bei einem erfüllten Leben zu begleiten.

TT-ePaper testen und eine von drei Cookit Küchenmaschinen gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

„Sie haben das Recht wie jeder andere auch, ihren letzten Lebensabschnitt daheim zu verbringen. Dazu braucht es eine vorausschauende Langzeitplanung, aber auch die Aufmerksamkeit, den Wünschen des Gegenübers genau nachzuspüren, auf jede noch so kleine Äußerung zu achten – seien es Worte, Gesten, Mimik oder die Körperhaltung“, fasst Beate Weberndorfer einige wichtige Punkte zusammen. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen haben die Erfahrung gemacht, dass andere Wünsche präsent werden, wenn Menschen ihre „Lebensbilanz“ machen. Sie stellen sich Fragen wie: Gibt es noch etwas zu sagen? Wen will ich noch sehen? Was will ich noch einmal erleben?

„Wir begleiten gerade einen Herrn in Kematen. Er hat begonnen, von einem alten Freund zu reden und dass er ihn gerne wiedersehen würde. Wir haben es geschafft, ihn ausfindig zu machen. Als sein Freund und ich an die Zimmertür geklopft haben und ich gesagt habe: ,Schau, da möchte dich wer besuchen‘, da haben seine Augen geleuchtet! So etwas miterleben zu dürfen, gibt mir und meinen Kollegen die Kraft und die Motivation, dranzubleiben“, erzählt Beate Weberndorfer.

Neben der Begegnung auf Augenhöhe und der Begegnung von Mensch zu Mensch erleichtern klare Leitlinien den Arbeitsalltag. Im Rahmen des Lebenshilfe-internen Pilotprojekts erarbeitet Beate Weberndorfer solche bzw. tauscht sie sich in Schulungen mit anderen Teams aus, die sich auf ähnliche Begleitsituationen vorbereiten wollen.

Vor zwei Jahren waren diese Leitlinien noch nicht in dem Ausmaß vorhanden. Trotzdem gelang es, für Irmgard Mair eine würdevolle Verabschiedung zu organisieren. Und zwar mit der Unterstützung aller Beteiligten, so Beate Weberndorfer: „Es gab ganz viel Engagement von der Gemeinde und meiner Chefin bei der Lebenshilfe. Auch der Bestatter half, wo er konnte. Der Pfarrer hat eine schöne Rede gehalten. Es gab Blumenschmuck und eine Stein­urne mit einem aufgemalten Rosenmuster.“ Irmgard Mair hat eine Nische bei den Urnengräbern bekommen, wo ihr Name draufsteht. Und manchmal bekommt sie nun dort Besuch: Ihre Mitbewohner von der Wohngemeinschaft gehen regelmäßig zur Urne und zünden eine Kerze an. (TT)


Kommentieren


Schlagworte