Schnitzlers „Reigen“ wird 100: „Alles war, oh Polizei, dezent“

Vom skandalisierten Aufreger zum Klassiker: Heute vor 100 Jahren wurde Schnitzlers „Reigen“ uraufgeführt.

Jane Fonda in Roger Vadims „Reigen“-Verfilmung von 1965, die Arthur Schnitzler gut 35 Jahre nach seinem Tod in Italien eine Anklage wegen Unsittlichkeit einbrachte.
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Innsbruck – Neunmal stehen zwischen den zehn „Vorher“- und „Nachher“-Szenen, von denen Arthur Schnitzlers „Reigen“ handelt, diskrete Gedankenstriche. Warum kann man sich denken. Schnitzler (1862–1931) war 34, als er das Stück schrieb – und hielt es für „unaufführbar“. Das war 1897. Berühmt – und berüchtigt – wurde der Text schnell. Schließlich ging es nicht um Liebe als hehres Ideal, sondern ums Liebemachen und dessen bisweilen prosaische Anbahnung, um das Sich-Finden und das gemeinsame Sich-Verlieren.

1918 ging die Welt von Gestern, in der „Reigen“ zum heimlichen Skandalstück wurde, unter. Das Theater freilich blieb Bastion rabiater Sittlichkeitsverteidigung. 1920 wollte Max Reinhardt den „Reigen“ in Berlin trotzdem wagen – und verlor den Mut vor der eigenen Courage. Er überließ das Stück der großen Gertrud Eysoldt und deren Kleinem Schauspielhaus. Dort wurde die Uraufführung für den Tag vor Heiligabend 1920 angesetzt. Das Interesse war groß. Der Boulevard gierte auf einen Skandal, Tugendwächter machten mobil. Am Tag der Premiere wurde die Aufführung verboten. Wegen der „Unzüchtigkeit des Textes“. Gemeint waren die Gedankenstriche. Gespielt wurde trotzdem. Eysoldt drohten sechs Wochen Zuchthaus. Im Publikum saßen Berlins wortmächtigste Kritiker. „Alles war, oh Polizei, dezent“, notierte Alfred Kerr. Die Richter, die das Aufführungsverbot ausgesprochen hatten, waren auch da. Sie revidierten ihr Urteil. Völkische Polterer strebten trotzdem einen Prozess an.

Das Verfahren befeuerte auch in Österreich den Streit um das Stück. Bei der Erstaufführung Anfang Februar 1921 blieb es noch ruhig. Schnitzler selbst saß im Publikum – und war von der Umsetzung angetan. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Die Reichspost, immerhin Verlautbarungsorgan der regierenden christlich-sozialen Partei, forderte tagsdarauf das Verbot „jüdischer Literatur“. Ein bischöflicher Hirtenbrief sekundierte. Im Parlament wurde gestritten. Auf der Straße flogen die Fäuste. Die Vorstellung vom 16. Februar wurde gestürmt. Stinkbomben explodierten, der Saal war demoliert. Schnitzler, eher zufällig auch vor Ort, konnte unerkannt flüchten.

Der Berliner „Reigen“-Prozess endete mit einem Freispruch. Obszön? Fehlanzeige. Nach weiteren antisemitischen Anfeindungen zog Schnitzler „Reigen“ trotzdem zurück. Bis 1982 war das Stück gesperrt. Das Kino nützte eine Lücke in Schnitzlers Verfügung. Max Ophüls verfilmte „Reigen“ als Meisterwerk, Otto Schenk als Softsexklamotte. In Frankreich drehte Roger Vadim „La Rouge“ mit Jane Fonda – und rief 1965 die italienische Justiz auf den Plan. Arthur Schnitzler wurde, gut 35 Jahre nach seinem Tod, als Beklagter geführt. Das Verfahren wurde eingestellt.

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Noch in der Nacht auf Neujahr 1982 wurde „Reigen“ in Basel erstmals wiederaufgeführt. Ohne Proteste. Im Gegenteil: Das Skandalstück war zum Klassiker der Moderne geworden. Inszenierungen in aller Welt folgten. In Innsbruck war „Reigen“ zuletzt 2013 im Kellertheater auf dem Spielplan. Als Sommerstück. (jole)


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