„Wo die Engel singen“: Stift Stams, ein Juwel als Ort der Musik

Mit „Wo die Engel singen“ legt Hildegard Herrmann-Schneider ein prachtvoll ausgestattetes Standardwerk über die Musikgeschichte von Stift Stams vor.

Engel mit Fidel.
© Larl/ITMf

Von Ursula Strohal

Innsbruck – An Stift Stams vorbeizufahren, ist nicht ungefährlich, weil man den Blick nicht von diesem landschaftlich ideal eingebetteten Juwel lassen kann. Besser, dem Zisterzienserorden einen Besuch abzustatten und in all dem Staunen über die sakrale Intensität und die Schönheit zur Ruhe zu kommen. Wer sich der Atmosphäre von Stams ergibt, könnte das Phänomen erfahren, aus der eigenen Stille heraus Musik zu vernehmen.

Nirgends sonst scheinen musizierende Engel so gegenwärtig wie in der Kirche und den Räumen des Stiftes. Sie singen und spielen die Instrumente, die ihnen vom Mittelalter bis ins ausgehende 18. Jahrhundert zur Verfügung stehen: Harfen, Fideln, Flöten, Lauten, Trompeten, Orgeln und viele mehr. Die Bilder und Skulpturen musizierender Engel und Menschen wurden eigens für Stams geschaffen und betonen: Dies ist ein Ort der Musik. 750 Jahre hindurch, wenn 2023 das Gründungsjubiläum des Klosters zu feiern sein wird.

Engel mit Fidel aus dem Stamser Tafelbild „Marienkrönung“.
© Larl/ITMf

Die Musikwissenschafterin Hildegard Herrmann-Schneider, renommierte Kapazität für musikalische Quellenkunde, fundierteste Kennerin der Musikgeschichte dieses Klosters, arbeitet seit 1993 an der Inventarisierung des Stamser Musikarchivs mit seinen ca. 3000 Exponaten. „Musikaliensammlungen gehören zu den wichtigsten Wissensspeichern früherer Musikkultur“, sagt sie. Mit ihrer Arbeit hat Hermann-Schneider bereits zahlreiche Schätze gehoben und manche offene Frage geklärt.

Herrmann-Schneider zu Stams: „In dieser monumentalen musikalischen Schatzkammer Tirols werden einige tausend Musikhandschriften und -drucke des 16. bis 20. Jahrhunderts verwahrt, mit einem außergewöhnlich hohen Anteil an singulären Zeugnissen zur Musikgeschichte im Tiroler und europäischen Raum. Unikate reichen bis in das 11. Jahrhundert zurück. Abt- und Stifts­tagebücher enthalten zahllose Notizen zu musikalischen Ereignissen im Kloster. Sowohl Mönche als auch Künstler aus nah und fern oder Singknaben des hauseigenen Seminars bestritten hier stattliche Musikdarbietungen.“

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Ausführlich berichtet wird in ihrem nun erschienenen Standardwerk „Wo die Engel musizieren – Musik im Stift Stams“ von dem prägenden Komponisten und Pädagogen Stefan Paluselli OCist (1748–1805) und dem aus dem Böhmischen stammenden berühmten Komponisten Johann Zach, der um 1770 unter den Gästen war. Herrmann-Schneider gelang es auch, die so genannte „Kindersinfonie“ zweifelsfrei dem Tiroler Edmund Angerer (1740–1794) statt wie üblich den Brüdern Haydn oder Vater Mozart zuzuschreiben.

Hildegard Herrmann-Schneider: Wo die Engel musizieren – Musik in Stift Stams. A. Weger, 544 Seiten, 36 Euro.
© A. Weger

Aber die Autorin legt ihrem 544 Seiten starken, kostbar ausgestatteten Prachtband keinen Abriss der Stamser Musikgeschichte zugrunde. Sie durchforstet akribisch und auf aktuellem wissenschaftlichen Stand die vielfältige Musikpflege des Ordens auf der Basis zisterziensischer Spiritualität vom Mittelalter bis heute. Stichwörter sind Musikikonografie, Choralgesang, Instrumente, Persönlichkeiten, Noten und weitere Schriftdokumente, Musiktheater, Blasmusik, Beziehungen zu anderen Klöstern.

Faszinierend ist die Fülle an leicht lesbarer Information und neuen Entschlüsselungen, vor allem die Zusammenführung musikalischer, ordens- und regionalgeschichtlicher Aspekte. Nicht zu vergessen das in zahlreichen CDs dokumentierte Projekt des Musikwissenschafters Manfred Schneider, viele der gehobenen Schätze aus dem Stamser Musikarchiv in Konzerten und Einspielungen klingend erfahrbar zu machen (Institut für Tiroler Musikforschung, Tiroler Landesmuseum).


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