Tiroler Kulturzeitschrift „Quart“: Angemessen Nachvermessenes

Die Nr. 36 der Tiroler Kulturzeitschrift „Quart“ ist da: viel Stoff zum Lesen und Sehen, zum Neu- und Wiederentdecken, für Exkursionen in reale und virtuelle Landschaften.

Augenschmaus: Tacita Deans Überarbeitung einer Fotografie von Robert Helpmann als „Hamlet“.
© tacita dean

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Allein schon das von der britischen Künstlerin Tacita Dean gestaltete Cover der Nr. 36 von Quart macht Lust auf mehr. Auf Geschichten und Bilder, die unterschiedlicher kaum sein könnten und alle – oder jedenfalls fast alle – irgendwie mit Tirol zu tun haben. Um trotzdem nicht als eitle Nabelschau daherzukommen, egal, ob der Blick von innen oder außen auf unser Land gerichtet ist.

Formuliert etwa von dem seit rund einem Jahr am Tiroler Landesmuseum für die Modernen Sammlungen zuständigen Florian Waldvogel als „Liebeserklärung an das wilde Innsbruck“ aus der Perspektive eines aus Hamburg Zugereisten. An eine Stadt, die sich „kulturell nicht verstecken“ müsse. Eine Behauptung, die vage bleibt, um dafür unreflektiert polemisch im Historischen auszuholen. Wobei man sich auf weite Strecken eine exakter­e Recherche gewünscht hätte, wenn Waldvogel etwa schreibt, dass der Abriss von Josef Lackners für Paul Flora gebautes Grottenbad „zerstört wurde, ohne dass sich öffentlicher Protest regte“, was schlicht und einfach nicht der Wahrheit entspricht.

Corona-bedingt nicht neben der Brenner-Autobahn, sondern via Zoom musste das Interview stattfinden, das der Komponist Manos Tsangaris mit seiner Kollegin Rebecca Saunders geführt hat. Die gesteht, wie wichtig für sie die „Stille, das Warten vor dem Komponieren“ ist. Ein äußerst kurzweiliges Lesevergnügen ist im Vergleich dazu Georg Payrs Essay über den versehentlichen Ausflug Heimito von Doderers nach Hintertux, für den es hier außer dünner Luft kaum etwas Erwähnenswertes gab.

An den Bildern und Empfindungen, die das Lesen von Carl Zuckmayers 1935 geschriebenem, noch vor seinem Erscheinen vom NS-Propagandaministerium beschlagnahmten Roman „Salwàre oder Die Magdalena von Bozen“ in Erika Wimmer Mazohl aufsteigen ließen, lässt diese erfreulicherweise den Leser teilhaben. Die von Marie Gamillscheg verfasste „Landvermessung Nr. 5, Sequenz 8“, die in die Gegend von Cortina d’Ampezzo führt, animiert wiederum dazu, diese leibhaftig nachzuvermessen. „Dinge, die angemessen sind“, nennt Verena Konrad, die Leiterin des Vorarlberger Architektur Instituts, ihren Beitrag. In dem sie am Beispiel von Bernardo Bader klar macht, wie er und seine Bregenzerwälder Architektenkollegen es schaffen, die Hand machen zu lassen, „was der Kopf denkt und das Herz fühlt“. Durchaus ein­e Entdeckung wert sind auch die aus der Versenkung geholten Kurzgeschichten Eduard Garnters. Bei den „Erben der Einsamkeit“, die sich im Martelltal eingerichtet haben, haben sich Lisa Mazz­a, Simone Mair und Niccolò Degiorgi­s umgeschaut.

Eine der Spezialitäten von Quart ist es, dass die linken Seiten visuelle Pendants der jeweils rechten sind. In der Nr. 36 vom weltweit umtriebigen Schwazer Toni Kleinlercher übersetzt in binäre Codes mit dem Ziel der „Auflösung über die Gleichheit in der Leere“. Ein Ansatz, der auch Anna-Maria Bogner nicht fremd ist, der Gestalterin der obligaten Originalbeilage. Denn bei Quart ist das Sehen mindestens so wichtig wie das Lesen.

Wobei der einleitende, von Hand geschriebene „Fließtext“ von Lukas Bärfuss optisch fast mehr hergibt als inhaltlich, was für einen Büchnerpreisträger doch einigermaßen erstaunlich ist. Leckerbissen für die Augen sind die opulenten Foto-Überarbeitungen Tacita Deans, an paradoxen Erscheinungsbildern macht Jaka Babnik das Tirolische fest, während sich Milena Meller ihr Weltbild durch die Transformation von Fotografien anonymer Architekturen ermalt.

Quart Heft für Kultur Tirol Nr. 36. 123 Seiten, 16 Euro, im Buchhandel oder direkt beim Haymon Verlag.


Kommentieren


Schlagworte