Kunst in den Schaufenstern: Leerstand sinnvoll genutzt

Wie kann Leerstand von der Kulturszene sinnvoll genutzt werden? „Kunst im Zwischenraum“ in Innsbruck könnte der Beginn einer längerfristigen Kooperation sein.

Die Kunststraße Imst nutzt leerstehende Lokale, zuletzt 2019.
© Böhm

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck, Imst – Sind Museen, Projekträume und Galerien Lockdown-bedingt (erneut) geschlossen, ist Kunst wieder weitestgehend auf den digitalen Raum beschränkt. Wenigstens durchs Schaufenster kann man derzeit Tiroler Kunst auch betrachten. Ein ungenutztes Geschäftslokal in der Kiebachgasse 17 in der Innsbrucker Altstadt wurde dafür temporär mit Kunst befüllt. „Kunst im Zwischenraum“ ist eine erstmalige Kooperation von Stadtmarketing und Tiroler Künstler:innenschaft.

Zu sehen ist zu diesem Anlass noch bis Mitte Jänner jeweils eine Arbeit von Thomas Medicus und Katharina Cibulka. Eine gute Wahl, lebt Medicus’ Arbeit doch (auch) vom Vorbeigehen. Seine Skulptur „Head Instructor“ (2019), ein Glaswürfel mit 144 bemalten Glasstreifen, wird erst in Bewegung vollständig erfasst.

Arbeiten von Architekturstudenten auf der Fassade der p.m.k.

Nötige Aufmerksamkeit erregt ebenfalls Cibulkas bedrohlich rot leuchtende Neonschrift „We certainly don’t do it for the money“ (2012), deren Botschaft der (Selbst-)Ausbeutung auch von Kunstschaffenden in einer neoliberalen Gegenwart eine klare Absage erteilt.

„Kunst im Zwischenraum“ (oben), einer Arbeit von Katharina Cibulka.
© Jarosch

Petra Poelzl, die Leiterin der Künstler:innenschaft, hat auf die Anfrage des Stadtmarketings prompt reagiert und damit „Kunst im Zwischenraum“ mit ermöglicht. Sie sieht die Initiative als potenziellen Auftakt für eine längerfristige Kooperation zwischen Künstler:innenschaft und Stadtmarketing.

TT-ePaper testen und eine von drei Cookit Küchenmaschinen gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Da stimmt Bernhard Vettorrazzi, Geschäftsführer von Innsbruck Marketing, zu, der im Projekt besonderes Potenzial ortet. „Heimische Kunstschaffende werden unterstützt und die Innenstadt belebt“, so Vettorazzi gegenüber der TT. Kunst werde außerdem der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Vettorazzi weiß aber auch vom Misstrauen so mancher Immobilieneigentümer. „Gerade deshalb benötigen solche Projekte professionelle Organisation“, meint er. Nutzungsvereinbarungen müssen getroffen werden und Geld in die Hand genommen. „Kunst im Zwischenraum“ wurde vom Stadtmarketing finanziert. Für die Fortführung des Projekts seien laut Vettorazzi auch Gespräche mit der Stadt angedacht.

Die Kulturszene fordert seit Jahren ein eigenes Organ in der öffentlichen Verwaltung, das Leerstand erfasst und vermittelt. Wien geht hier als Vorbild voran. „Kreative Räume Wien“ kümmert sich seit 2016 im Auftrag des Stadtratsbüros um die Aktivierung von Leerstand. Die IG Kultur Wien betreibt zusätzlich online einen Leerstandsmelder.

Auch in Tirol flossen öffentliche Mittel in Leerstandsinitiativen. 2019 etwa machte es sich das Projekt „Der Lückenfüller“ zur Aufgabe, Ungenutztes sichtbar zu machen. Scheinbar keine einfache Angelegenheit: Auf der Homepage des dazugehörigen Vereins „Die Lücke“ werden aktuell zwei Leerstände angeführt.

Dass es weit mehr gibt, weiß Maximilian Thoman. Für sein TKI-Projekt „Far A Day“, eine künstlerische Intervention in einem ungenutzten Raum, spürte der Kulturarbeiter Leerstand in Innsbruck auf. Seine Erhebung liege laut eigenen Angaben Stadträtin Uschi Schwarzl (Grüne) und Landesrätin Beate Palfrader (ÖVP) vor; eine Diskussion, wie sich die öffentliche Hand in die Leerstandsdebatte einbringen könnte, konnte Thoman damit aber auch nicht anregen. Ebenso ungeklärt bleibt, wo „Far A Day“ stattfinden kann.

Dabei kommt es gerade bei Leerstandsprojekten oftmals auf schnelles, unbürokratisches Agieren an. Die Kunststraße Imst etwa macht alljährlich aus der Raumnot eine kunstvolle Tugend, nur heuer wurden die ungenützten Räume der Stadt Pandemie-bedingt auch unnutzbar – die Kunststraße fiel aus.

Die p.m.k in Innsbruck hingegen trotzt dem Lockdown mit kreativen Raumlösungen. Noch bis Donnerstag erleuchten Arbeiten von Studierenden des .studio1 die Fassade. Passenderweise beschäftigen sie sich mit Verschiebungen von privatem und öffentlichem Raum.


Kommentieren


Schlagworte