Pinkelnig nach schwerem Sturz: „Den Weg ist vor mir noch niemand gegangen“

Warum ÖSV-Skispringerin Eva Pinkelnig (32) nach ihrem Milzriss ihr Comeback offenlässt und dennoch zuversichtlich auf das Jahr 2021 blickt.

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Hard – Ein schwerer Trainingssturz am 2. Dezember in Seefeld beendete vorerst den Höhenflug von Eva Pinkelnig. Nach einem Milzriss ist offen, ob die 32-jährige Vorarlbergerin ein Comeback startet. Im TT-Gespräch erzählt die Frohnatur, wie sie aus Rückschlägen das Positive mitnimmt und warum sie eine Frauen-Vierschanzentournee kritisch sieht.

Was sind Ihre Neujahrsvorsätze?

Eva Pinkelnig: Ich bin jemand, der sich nicht so gern auf ein Datum festlegen lässt. Mein Reset hat am 2. Dezember stattgefunden und die Tage danach im Spital. Da habe ich den Vorsatz gefasst, noch mehr Eva und weniger Außenwelt zu sein.

Wie meinen Sie das?

Pinkelnig: Ich will zu mir selber finden, da gilt es umso mehr die Fesseln zu lösen. Da gibt es viele Fragen. Wie soll eine Frau sein? Wie verhält man sich als gutes Teammitglied? Was erwartet man sich von einer Vize-Weltmeisterin? Was wollen Sponsoren und Verband von mir? Das sind Dinge, die oft im Gegensatz zu mir selbst stehen. Jetzt ist die Chance, es auf meine Art zu gestalten.

Wie würden Sie die Eva beschreiben, die Sie gerne sein möchten?

Pinkelnig: Ich will salopp gesagt ich selber sein. Mit den Werten, mit denen ich groß geworden bin. Ehrlichkeit, Freundlichkei­t, Miteinande­r, liebend füreinander da sein. Einfach auch die Freiheit haben, sein zu dürfen, wie ich bin.

Wie geht es Ihnen nach dem schweren Sturz?

Pinkelnig: Ich kann spazieren gehen, joggen ist noch zu früh. Es war Pech, dass es zu dem Milzriss kam. Vielleicht hat es so sein sollen. Ich glaube, dass alles im Leben aus einem gewissen Grund passiert. Ich bin überzeugt, dass es Gott gut mit uns meint, auch wenn ich vieles oft nicht verstehe.

Woher nehmen Sie aus Rückschlägen die positive Energie?

Pinkelnig: Gott hat einen Plan für mich. Wenn ich die Bibel aufschlage, ist sie voller positiver Geschichten, was Gott im Leben anderer Menschen bewirkt hat. Ich weiß jeden Tag, wenn ich aufstehe: Gott liebt mich. Er will das Beste für mich. Nichts kann mich von seiner Liebe trennen. Ich habe das Vorrecht, in meinem Freundeskreis Menschen zu haben, die eine positive Lebenseinstellung haben. Das gibt Sicherheit gerade in Zeiten der Corona-Pandemie.

Nach einem Schädel-Hirn-Trauma 2017 haben Sie manche im ÖSV abgeschrieben gehabt. Ist es eine Genugtuung, dass Sie derart stark zurückgekommen sind?

Pinkelnig: Im Gegenteil: Es war schön zu erleben, wie sich alle über meine drei Weltcupsiege und zwei WM-Medaillen mitfreuten. Ich bin davon überzeugt, wenn ich einen Sport nur ausübe, um es anderen zu beweisen, wird es scheitern. Ich bin meiner inneren Stimme gefolgt und konnte mit einem Grinser Ski springen.

Ausgelassener Jubel: Eva Pinkelnig in ihrem Element.
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Wie lange ist die Pause bei einem Milzriss?

Pinkelnig: Da gibt es keinen Fahrplan. Bei einem Kreuzbandriss sind es acht bis zehn Monate. Den Milzriss gibt es Gott sei Dank nicht so oft im Spitzensport. Ich befinde mich auf einer Bergtour zum Gipfel, aber den Weg ist vor mir noch niemand gegangen. Deswegen kann nur ich die richtigen Schritte setzen. Ich habe Experten um mich, die mir ihr Wissen zur Verfügung stellen. Die Entscheidungen treffe ich.

Denken Sie bereits an ein Comeback?

Pinkelnig: Das Feuer brennt fürs Skispringen, aber es geht nicht nur ums Springen. Es gehört rundherum sehr viel dazu. Es kann sein, dass ich noch ein paar Trainingssprünge mache und dann sage: Danke, es war eine unglaublich verrückte, coole Zeit. Es war eine Zeit, in der ich über mich hinausgewachsen bin. Oder aber es kann genauso sein, dass das Feuer fürs Wettkämpfen noch größer wird, und dann werde ich natürlich versuchen, mich in den Weltcup zurückzuarbeiten.

Wie weit planen Sie voraus? Ist die WM Ende Februar ein Thema?

Pinkelnig: Natürlich strahlen die Augen und das Herz fängt an zu klopfen, wenn man WM oder Olympia hört. Allerdings gibt den Zeitplan mein Körper vor. Ich schaue von Tag zu Tag, was möglich ist. Es wird die Zeit kommen, wenn ich wieder auf die Schanze will.

Derzeit läuft die Vierschanzentournee. Können Sie der Vision einer Frauen-Tournee etwas abgewinnen?

Pinkelnig: Das hat zwei Seiten. Die Vierschanzentournee ist Prestige. Sie zählt zum Größten, das es in unserem Sport gibt. Andererseits stellt sich die Frage, ob es gut ist, wenn man uns Damen dazuhängt. Da muss man gut aufpassen, dass man uns nicht zu Vorspringerinnen degradiert. Das wäre schade! Da wäre es vielleicht klüger, eine eigene Serie zu starten.

Sie sagten einmal, Ihr großer Traum sei ein 200-Meter-Flug. Ist das noch aktuell?

Pinkelnig: Absolut. Ski fliegen zu dürfen wäre die absolute Krönung, Klar ist uns bewusst, dass die Dichte im Damensprungsport noch wachsen muss. Das ist ein Prozess. Hoffentlich erlebe ich es in ein paar Jahren noch, und sonst habe ich zumindest der nächsten Generation geholfen, einen kleinen Stein ins Rollen zu bringen.

Das Gespräch führte Benjamin Kiechl


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