HBO-Serie „Industry“: Meritokratie mit Kaufoptionen

Drogen, Sex und das ganz große Spiel mit den Zahlen: Die HBO-Serie „Industry“ läuft heute auf Sky an.

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Harper (Myha’la Herrold) kämpft um eine Fixanstellung als Brokerin. Nur die Hälfte der Absolventen bekommt auch die Chance.
© HBO/Sky

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck – Wer im Londoner High-End-Bankensektor Karriere machen will, arbeitet 48 Stunden auf Hochdruck durch, hält sich mit Aufputschmitteln wach, um zur rechten Zeit mithilfe von Schlaftabletten am Boden der Bürotoilette sich auszuruhen. Hauptsache, der Morgen beginnt mit einem frischen Hemd. Wie hält das ein Körper aus? Im Falle des jungen Hari gar nicht lange. Am Ende der ersten Folge von „Industry“ versagt Hari Drahs (Nabhaan Rizwan) Herz.

Aus fünf Hauptdarstellern werden also vier. Vier Mittzwanziger, die weiterkämpfen. Von der Uni führte ihr Weg direkt ins Haifischbecken: Harper (Myha’la Herrold), Yasmin (Marisa Abela), Robert (Harry Lawtey) und Gus (David Jonsson) haben die Chance, wovon alle halbwegs ambitionierten Wirtschaftsstudenten träumen: eine Festanstellung in der prestigeträchtigen Investmentbank Pierpoint & Co. – der sicherste Weg in den Olymp, sprich: die Wallstreet.

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Für diese Traumkarriere zieht Harper von New York nach London. Der Besuch einer Elite-Uni ist bei Pierpoint & Co. kein Muss – die Chefs setzen auf Talent. Wie passend also, dass Harper beim Einstellungsgespräch konstatiert, das Bankwesen sei die reinste Form von Meritokratie, also die Herrschaft jener, die aufgrund ihrer Leistungen ausgewählt werden. Wie gut auch, dass Kunden und Vorgesetzte beeindruckt sind, wenn sie von Treasury-Renditen oder Volatilitätslevel schwadroniert – einen Uni-Abschluss hat sie nämlich gar nicht. Ähnlich wie Mike Ross in „Suits“ lässt sich Harper von solchen Kleinigkeiten aber nicht aufhalten.

Ebenso wenig wie von verzockten 140.000 Pfund, dem latenten Rassismus, den harten Drogen oder den wilden Sex-Eskapaden, die im und um das schnieke Bankenviertel anfallen. „Industry“ beginnt stark (die Pilotfolge verantwortet „Girls“-Superstar Lena Dunham), franst dann thematisch aber aus. Als Zuseher weiß man nicht, worauf liegt der Fokus: auf der rasanten Entwicklung von Harper oder ihrer kühlen Freundschaft zu Yasmin, die zwar aus gutem Hause kommt, im Büro aber anstatt zu pitchen lieber zum Mittagessen-Holen geschickt wird? Oder geht es den Machern Mickey Down und Konrad Kay, selbst ehemalige Banker, schon um die rohe Finanzwelt, die stets in Kaufoptionen rechnet und selbst bei den Jüngsten über Leichen geht? Oder alles gleichzeitig? Was sich in den ersten Folgen abzeichnet – die Grenze zwischen Kollegen, Vorgesetzen und Konkurrenten verschwimmt. Und bei den Brokern, lange einem reinen „Boy’s Club“, haben jetzt auch die Girls starke Stimmen.

„Industry“ ist weder eine aufgejazzte Version der Teenie-Serie „Skins“ noch mit der deutschen TV-Serie „Bad Banks“ vergleichbar, in der sich ebenso eine Frau im Investmentsektor profiliert. „Industry“ will mehr sein – und treibt seinen eigenen Kurs damit aber auch unnötig in die Höhe.


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