Eine Geschichte im Abseits – Wehrmachtsdeserteure in Tirol

Das Gemeindemuseum Absam erinnert an die Deserteure vom Vomperloch. Uni Innsbruck sucht Zeitzeugen für Forschungsprojekt.

Relikte des Widerstands: Die Familie Kirchmair aus Mils hat Anfang der 1950er-Jahre die Überreste der drei Hütten des Deserteurslagers im Vomperloch fotografiert.
© Archiv Gemeindemuseum Absam

Vomp, Gnadenwald, Absam – Die Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren ist im soeben abgelaufenen Corona-Jahr 2020 oft zu kurz gekommen, auch in Tirol. Das Gemeindemuseum Absam ruft in der neuesten Episode seines Podcasts nun einen Aspekt der regionalen Zeitgeschichte ins Bewusstsein, der vielen Tirolern wohl lange Zeit unbekannt war – das Schicksal der Deserteure im Vomperloch.

In wenigen Zeilen berichtete bereits eine 1945 erschienene Broschüre mit dem Titel „Kampf um Tirol“ – in der es um „entscheidende Taten zur Befreiung im Frühjahr 1945“ ging – von der Deserteursgruppe: „In der Umgebung der Walderalm, namentlich im Vomperloch, wurden heimattreue österreichische Soldaten, die sich vom Hitler-Krieg losgesagt hatten, bis zu zwei Jahre versteckt gehalten.“

In Vomp hatte schon im Juli 1945 der Förster Max Erhart, der in den Kriegsjahren für das Vomperloch zuständig gewesen war, aus seiner Perspektive einen ausführlichen Bericht verfasst. Erhart hatte die Deserteure im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützt, sie vor Kontrollen gewarnt, Suchtrupps in die Irre geführt. Sein Bericht landete auf Umwegen im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, das ihn 1984 publizierte.

Auch junge Menschen griffen das brisante Thema auf: 1978 veröffentlichten Schülerinnen und Schüler der Bundes-Handelsakademie Hall im Zuge eines zeitgeschichtlichen Forschungsprojekts unter Anleitung von Prof. Agnes Larcher eine Untersuchung zur Haller Widerstandsbewegung. Ein Kapitel beschäftigte sich mit Friedl Steinlechner, der 1943 der erste Deserteur im Vomperloch gewesen war.

Darin berichtet Steinlechner etwa von der gefährlichen Situation für die Deserteure ganz knapp vor der Befreiung, als Anfang Mai 1945 in letzter Minute desertierte Soldaten des Wehrmachts- und SS-Lagers Eichat in Gnadenwald bzw. im Vomperloch Unterschlupf suchten.

Seit 2019 setzt sich ein vom Land Tirol finanziertes Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte der Uni Innsbruck mit dem Themenkomplex „Deserteure der Wehrmacht. Verweigerungsformen, Verfolgung, Solidarität, Vergangenheitspolitik in Tirol“ auseinander.

Martin Steinlechner, Jäger aus Umlberg (Terfens), half den Deserteuren und schützte sie bei Kontrollen.
© Archiv Gemeindemuseum Absam

Dabei sollen laut Projektbeschreibung „die Verweigerungsformen von Wehrmachtssoldaten in Tirol und von Tiroler Wehrmachtssoldaten in den okkupierten Gebieten in Europa, die Praxis ihrer UnterstützerInnen in Tirol, die Verfolgungspraxis und die Vergangenheitspolitik untersucht werden“.

Damit wird der Historiker Peter Pirker, der das Projekt leitet, seine schon vor Jahren begonnenen Forschungen zur Deserteursgruppe im Vomperloch fortsetzen können.

Ziel des Forschungsprojekts ist auch, Interviews mit Zeitzeugen und Angehörigen durchzuführen. Dafür bittet das Institut für Zeitgeschichte um Mithilfe: Wer Geschichten der Desertion aus der Familie oder sozialen Umgebung kennt, kann sich an Peter Pirker wenden (peter.pirker@uibk.ac.at, Tel. 0676/3272833).

Mit Kriegsdienstverweigerung als Form des Widerstands gegen das NS-System in Tirol beschäftigt sich derzeit aber auch eine Schwazer Schülerin: Greta Zimmermann ist über ihre Ortskenntnisse im Karwendel auf die Deserteure im Vomperloch gestoßen. Diese Geschichte von Verweigerung und Solidarität hat sie so sehr interessiert, dass sie sie zum Thema ihrer Vorwissenschaftlichen Arbeit für die Matura gemacht hat.

Im Podcast – auf www.absammuseum.at – sind Pirker und Zimmermann zu hören. Zudem sprechen Richard Eder, Schwiegersohn des Försters Max Erhart, und Josef Ampferer: Er war Nachfolger des Revierjägers Martin Steinlechner, der ebenfalls für den Erfolg der Deserteure verantwortlich war: Sie blieben unentdeckt. (TT, md)


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