Wohlig warme Wiener Melange

Das Neujahrskonzert der „Wiener Philharmoniker“ vor leeren Rängen im Musikverein wird zum denkwürdigen Statement für die heilende Kraft von Musik.

2000 leere Plätze im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Das 81. Neujahrskonzert der „Wiener Philharmoniker“ erreicht aber als reines TV-Ereignis geschätzte 50 Millionen Zuseher weltweit.
© ORF

Von Markus Schramek

Wien – Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist eine einzigartige Mischung, eine Wiener Melange der Musik: Walzerträume verwirklicht von einem der besten Klangkörper der Welt, beschwingtes Wieder-auf-die-Beine-Kommen nach der Silvesternacht, dazu Bilder aus Wien von seiner schönsten Seite, umtanzt vom Staatsballet in feinen Roben.

Vieles ist hier, wie es immer war, Johann Strauß Vater und Sohn als programmatische Dauerbrenner, nicht zuletzt im Zugabenblock mit „Donauwalzer“ und „Radetzky-Marsch“. Uns Zusehern vor dem TV-Gerät (um ein Ticket zu ergattern, benötigt man Losglück, eine gut gefüllte Geldtasche und neuerdings auch die Gnade Coronas) bietet sich eine wohlig warme Gewissheit: So schön kann das Leben sein, auch im neuen Jahr und trotz einer aktuell grassierenden Pandemie, die dafür sorgt, dass beim gestrigen 81. Neujahrskonzert die Ränge im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins erstmals leer bleiben müssen.

Den Philharmonikern, die sich über Wochen abschotteten, niemand an sich heranließen, um nur ja keine Infektionscluster zu riskieren, ist für ihren Bestemm zu danken und zur gestrigen freudvoll-berührenden Darbietung zu gratulieren. Das hohle politische Gefasel vom „Kulturland Österreich“ wird zwei Stunden lang mit Leben erfüllt. Auch der ORF sei lobend erwähnt. Dessen Übertragung ins Wohnzimmer braucht keinen Vergleich zu scheuen. Das verdient Applaus, und den erhalten die Akteure. 7000 Zuseher spenden per Live-Zuschaltung aus der ganzen Welt lautstark Beifall mithilfe ihrer Smartphones.

Am Pult Riccardo Muti. Er wird heuer 80, doch zu altern scheint der gelassen wirkende Italiener kaum. Zum sechsten Mal dirigiert er das Neujahrskonzert, und für die Düsternis der Corona-Umstände ist ein Mutmacher wie er die denkbar beste Wahl. Der Goldene Saal ist Mutis Wohnzimmer, die Philharmoniker sind gleichsam seine Hauskapelle: Gemeinsam schon mehr als 180 Auftritte, das verbindet, das schweißt respektvoll zusammen.

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Muti lächelt sich wie selig durch die Klangwolke, er lässt den Dirigentenstab sinken und lauscht, um im nächsten Moment bei Karl Millöckers Galopp „In Saus und Braus“ begeistert mitzuhüpfen. Spaß an der Musik, wohin man blickt, fröhliche Gesichter auch in den Reihen der Musizierenden.

Ehe zum Schluss der „Radetzky-Marsch“ erklingt, ohne Mitklatsch-Publikum wie neu entdeckt, wendet sich Muti mit einer Neujahrsbotschaft an die 50 Mio. Zuseher, die das Konzert in 90 Ländern miterleben. Der Maestro trifft auch verbal den richtigen Ton. „Musik bringt Freude, Hoffnung, Frieden und Liebe, sie ist wichtig für die mentale Gesundheit“, sagt Muti, der 2020 ein „annus horribilis“ nennt, ein schreckliches Jahr. Dann folgt eine Message an die Mächtigen: „Sehen Sie Kultur als ein wichtiges Element, um eine bessere Gesellschaft zu formen.“

Ob die Politik den Wert von Kultur auch in Corona-Zeiten zu erkennen vermag?


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