Kinigadner über die Dakar: „Die Jungs rasen zu sehr auf der Rasierklinge“

Adieu, wilde Zeiten: KTM-Sportmanager Heinz Kinigadner erklärte der TT, warum er bei der 43. Ausgabe der Rallye Dakar auf Sicherheit pocht.

Beeindruckende Bilder – Matthias Walkner auf der KTM – wird es auch heuer bei der 43. Ausgabe der Rallye Dakar in Saudi-Arabien geben.
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Wie hat Tirols Motocross-Legende Silvester verbracht?

Heinz Kinigadner: Recht unkompliziert: locker im Lockdown. (lacht)

Die heute richtig durchstartende Rallye Dakar hat einige Änderungen gebracht. Unter anderem, dass man bei den Motorrädern nur noch sechs Hinterreifen zur Verfügung hat.

Kinigadner: Das habe ich sehr stark forciert und ginge es nach mir, wäre ich noch stärker reingefahren. Es passiert einfach noch zu viel und die Jungs rasen zu sehr auf der Rasierklinge. Die Rallye Dakar ist eines der gefährlichsten Rennen überhaupt: Etappen mit über 600 Kilometern auf Strecken, die du nicht kennst. Im Vorjahr sind wir nach dem Ende zusammengesessen und haben Ideen zur Verbesserung der Sicherheit gesammelt. In allen Motorsportserien, von Formel 1 bis MotoGP, kontrolliert man das Geschehen über den Reifen. Ein Valentino Rossi oder ein Lewis Hamilton müssen bei abgefahrenen Reifen auch runter vom Gas.

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Das hat vielen Piloten, unter anderem Matthias Walkner (KTM), nicht gefallen.

Kinigadner: Klar, das sind Rennfahrer. Die wollen nicht langsamer fahren. Ich würde auch die Mechaniker abschaffen, die Piloten müssten selbst Hand am Arbeitsgerät anlegen. Und dadurch könnten auch die Hersteller zeigen, wie gut ihr Material ist. Wenn heute einer in der Autoklasse einen Überschlag hat, arbeiten die Mechaniker die ganze Nacht und du hast am Tag danach ein neues Auto dastehen.

Ihr Motto lautet: „Weniger ist mehr.“

Kinigadner: Es geht darum, das Abenteuer wieder mehr in den Vordergrund zu rücken. Deshalb finde ich es sportlich perfekt, in Saudi-Arabien zu fahren. Keiner kennt die Strecken, es gibt von Sand bis zum Stein alles, was das Motorsport-Herz begehrt.

Das klingt, als würden Sie gerne selbst noch mitfahren.

Kinigadner: Als Tourist? Ja. Als Pilot? Nein. Die Jungs sind zu stark. Es erschreckt und fasziniert mich zugleich, wie die Piloten von heute an die Sache rangehen. Aber du merkst, ob einer schon einen schweren Unfall hatte und wer nicht. Der letztjährige Sieger (Motorradklasse, Anm.), Ricky Brabec, ist noch nie mit einem Oberschenkelbruch in der Wüste gelegen. Darum geht er ganz andere Risiken ein. Matthias, Sam Sunderland oder Toby Price (alle KTM, Anm.) haben die Tortur hinter sich. Die wissen, was es heißt, in der Wüste auf Hilfe zu warten. Das hast du im Vorjahr gut gemerkt.

Inwieweit?

Kinigadner: Sie sind nicht das letzte Risiko einge-gangen. Ich hatte das Gefühl, es ging nur mehr darum, keinen Unfall zu bauen. Heuer wirken sie mental stärker. Dem Matthias hat es vor allem geholfen, dass wir in Abu Dhabi Testfahrten absolviert haben. Aber das ist ein Teufelskreis: Es gibt zehn mögliche Dakar-Sieger und wenn fünf von denen das Risiko komplett ausreizen, müssen die anderen mitziehen. Sonst kannst du nichts gewinnen.

Zurück zur Sicherheit: Das „Roadbook“ wird heuer erst kurz vor dem Start ausgegeben und ein Airbag ist Pflicht.

Kinigadner: Das mit dem Roadbook hat ein Für und Wider: Einerseits bringt es die Amateure den Stars näher, weil die zusätzlichen Mitarbeiter, die sich stundenlang mit dem Roadbook vom Büro aus beschäftigen können, wegfallen. Auf der anderen Seite dürfen keine Fehler in den Books stehen. Das wäre fatal. Der Airbag wird sicher noch ein bis zwei Jahre brauchen, bis er ausgereift ist. Aber es ist der richtige Schritt in die richtige Richtung.

KTM-Sportmanager Heinz Kinigadner.
© gepa

Hat die Corona-Pandemie bei KTM für zusätzlichen Aufwand gesorgt?

Kinigadner: Wir haben nur etwas früher mit den Testungen unserer Piloten angefangen, damit wir reagieren hätten können. Jetzt sind alle in ihrer „Blase“ und da sollte auch nichts mehr sein. Mein Sohn und ich werden uns den Besuch sparen. Wir müssten in Quarantäne.

Wenn wir noch einmal über den Abenteuer-Faktor sprechen: Wird die Dakar einmal zu ihren Wurzeln zurückfinden?

Kinigadner: Ich hoffe es. Man könnte so viel mit so wenig machen. Das Material ist mittlerweile derart gut, da kann fast nichts mehr passieren. Jetzt, wo die Reifen weniger sind, müssen die Jungs improvisieren. Da kannst du ansetzen: weniger Geschwindigkeit, mehr Abenteuer und mehr Selbstständigkeit.

Ich hätte mir nie gedacht, dass der „wilde Hund“ Heinz Kinigadner einmal derart über Sicherheit spricht.

Kinigadner: Die Zeiten haben sich verändert und mittlerweile habe ich große Verantwortung. Darum wäre ich noch radikaler und würde die Piloten komplett zu Abenteuer-Heroes und weniger zu Rasern machen. Zu Matthias habe ich bereits gesagt: Wenn er nach seiner aktiven Karriere einmal bei uns was übernehmen will, soll er sich jetzt schon Gedanken machen, wie die Dakar attraktiv bleiben kann. Das sieht er jetzt als Fahrer natürlich ganz anders. Aber auch das wird sich ändern.

Das Gespräch führte Daniel Suckert


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