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Holpriger Start in Österreich: Corona-Impfung ist noch begehrte Mangelware

Weltweit wird bereits in 50 Ländern gegen das Coronavirus geimpft. Österreich und die EU-Staaten hinken aber nach. In Tirol sind bisher 485 Impfdosen für Alten- und Pflegeheime eingetroffen. Das geringe Tempo sorgt für heftige Kritik. Heute fällt die Entscheidung über die Zulassung von einem zweiten Impfstoff in der EU.

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Die Auslieferung der ersten Impfdosen Ende Dezember hatte das Bundesheer übernommen. Jetzt läuft die Verteilung über 17 Logistikzentren des Pharma-Großhandels.
© Bundesheer/Frank Nalter

Innsbruck, Wien – Am 27. Dezember startete im Wohn- und Pflegeheim Mieming die Corona-Impfaktion in Tirol. Gestern waren sechs Heime in den Bezirken Innsbruck-Land, Kufstein, Lienz und Reutte an der Reihe. Ab nächster Woche soll die Aktion österreichweit in großem Stil fortgesetzt werden – zu langsam, meinen Kritiker wie Arbeiterkammerpräsident Erwin Zangerl.

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Das geringe Tempo ist eine Folge der schleppenden Auslieferung. Zwar hat Österreich bereits 63.000 Dosen des Vakzins von BioNTech und Pfizer erhalten, weitere 63.000 sollen bis zum Ende der Woche folgen. An die Länder ausgeliefert wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums aber erst 8360 Stück. 485 gingen nach Tirol. 93 wurden für den Auftakt in Mieming benötigt.

Quote unter 0,1 Prozent

Die Zahl der tatsächlichen Injektionen nennt das Ministerium nicht. Vermutlich sei aber der Großteil der Dosen schon verwendet. „Sie müssen gleich nach der Zuteilung verimpft werden“, berichtet ein Sprecher.

Zum Vergleich: Für Deutschland vermeldete das Robert-Koch-Institut gestern 317.000 Impfungen. Die Quote liegt damit bei knapp 0,4 Prozent der Bevölkerung. In Österreich sind es weniger als 0,1 Prozent.

Ab nächster Woche werden nach Auskunft des Landes für Tirol dann mehr als 24.000 Impfdosen zur Verfügung stehen, mit denen die über 12.000 Bewohnerinnen und Bewohner sowie das Personal in den Heimen flächendeckend auf freiwilliger Basis geimpft werden können.

In den kommenden Wochen und Monaten sind dann weitere Risikogruppen an der Reihe. Für die breite Bevölkerung will Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) die Impfung ab dem zweiten Quartal anbieten.

📽️ Video | Sektionschefin Reich zur Impfstrategie

Zangerl ortet „Fahrlässigkeit"

„Es braucht einen klar kommunizierten Plan, wie die Impfung flächendeckend eingesetzt werden kann.“ – Erwin Zangerl
 (AK-Präsident)
© Rottensteiner

Für Zangerl geht das alles zu langsam. Er fordert ein Ende des politischen Hickhacks rund um Ausgangsbeschränkungen, Freitesten und Lockdown und pocht auf wirkungsvolle Maßnahmen, „um den Menschen endlich umfassend die Möglichkeit zu geben, sich auf freiwilliger Basis impfen zu lassen“. Tatsächlich liege aber noch immer kein konkreter Impfplan vor, weil noch immer darüber diskutiert werde, wer wann wie viele Dosen bekommen soll. „Das ist fahrlässig“, kritisiert Zangerl. Und: „Warum funktionieren die Impfungen in Israel, während Österreich dem Impfstoff nachläuft?“

Kritik am mangelnden Tempo kommt auch von der SPÖ. „Worauf warten? Impfen heißt Menschenleben retten“, twitterte Parteichefin Pamela Rendi-Wagner, selbst Epidemiologin. Der rote Klubchef Jörg Leichtfried zog wie Zangerl einen Vergleich zu Israel: Dort gebe es bereits eine Million geimpfte Menschen. In Österreich hingegen gebe es eine Million Fotos von Bundeskanzler Selbastian Kurz (ÖVP) beim Impfen.

📽️ Video | Kritik an schleppendem Impfstart

Zulassung von Moderna erwartet

Österreich hat anders als Israel die Impfstoffe nicht direkt bei den Produzenten bestellt, sondern wickelt die Beschaffung über die EU ab. Insgesamt sollen BioNTech und Pfizer 5,5 Millionen Dosen liefern, davon eine Million bis März.

Heute wird auf europäischer Ebene die Zulassung des zweiten Impfstoffes erwartet, jenes von der Firma Moderna. In den USA und Kanada ist er bereits zugelassen, gestern folgte Israel.

Im Fall einer positiven Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) muss dann noch die EU-Kommission die Zulassung aussprechen. Österreich soll bis Februar 200.000 Dosen dieses Impfstoffes bekommen. Sie sollen vor allem bei Beschäftigten im Gesundheitswesen zum Einsatz kommen.

Weitere Vakzine im Einsatz

Das schleppende Anlaufen der Impfungen löst auch bei den deutschen Nachbarn Debatten aus. Kanzlerin Angela Merkel will heute mit Mitgliedern ihres Kabinetts beraten, wie die Impfungen und ein Ausbau der Produktionskapazitäten beschleunigt werden können. Auch der Koalitionspartner SPD vermutet, dass zu wenig Impfstoff bestellt worden sei.

Weltweit sind auch weitere Vakzine im Einsatz. In Großbritannien impfen die Ärzte bereits mit dem Mittel, das von AstraZeneca und der Universität Oxford entwickelt wurde. Der Vorteil: Anders als bei BioNTech/Pfizer und Moderna ist keine aufwändige Kühlung auf fast minus 80 Grad nötig. Ein normaler Kühlschrank genügt. Die EMA fordert für eine Zulassung aber weitere Daten. Eine Entscheidung noch im Jänner gilt als unwahrscheinlich. (sabl, np, APA, TT)


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