Mit Kokaingaben zu hoch gepokert: Bis zu vier Jahre Haft bei Großprozess in Tirol

Illegales Glücksspiel in Innsbruck und Völs wurde mittels Kokain in die Morgenstunden verlängert. Sieben Beteiligte an den Pokerrunden trafen sich gestern am Landesgericht wieder. Bis zu vier Jahre Haft ergingen.

Der Dealer und zwei Helfershelfer hatten laut dem gestrigen Urteil eines Schöffensenats eine kriminelle Vereinigung gebildet.
© Böhm Thomas

Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Heimlich organisierte Glücksspielnächte mitsamt Kokainkonsum ergaben gestern am Landesgericht das brisante Gemisch für einen außergewöhnlichen Suchtgiftprozess. Fünf Männer und zwei Frauen, großteils aus dem Raum Innsbruck, mussten die Anklagebank drücken. Vorausgegangen waren dem Poker-Prozess über Jahre hinweg erfolgte Hinweise an die Exekutive zum Erstangeklagten.

So war der 43-jährige Türke Vertrauenspersonen der Polizei schon ab 2016 aufgrund seines relativ offen praktizierten Umgangs mit Kokain in Innsbrucker Spiellokalen aufgefallen. Später war der 43-Jährige dann mit zwei pokerbegeisterten Freunden zusammengetroffen, die nach Jahren des Zockens mit dem Türken nun ihr eigenes Spiel aufziehen wollten.

Als Spiellokal war erst eine unauffällige Wohnung in der Innsbrucker Amraser Straße auserkoren worden. Die neue Glücksspiel­adresse sprach sich bei Spielern in der Landeshauptstadt schnell herum. Über die Klingel, mit der Tastenkombination „31“, öffnete sich die Türe für Wetteinsätze jeglicher Höhe. Nachdem sich die drei Organisatoren zerstritten hatten, betrieb der 43-Jährige den Kokain-Poker im Nebenraum eines Lokals in Völs weiter.

Staatsanwalt Thomas Willam hatte dem Treiben lange über das Landeskriminalamt per Observation zugesehen – bis der Tiroler Drogenjäger alle Verdächtigen an einem Junimorgen an verschiedenen Orten zeitgleich durch hundert Kriminalbeamte verhaften ließ.

Beim gestrigen Plädoyer skizzierte Willam die Ermittlungsergebnisse: Insgesamt 130 geheime Spielabende, Spieldauern von bis zu 30 Stunden, Einsätze bis zu 300.000 Euro und Kokainweitergaben im Kilobereich: „Bei so einem Zeitrahmen benötigte man wohl das Kokain schon alleine, um die Spieler wach zu halten“, folgerte Willam. Überhaupt war für das Wohl der Spieler mit Getränken und Speisen gesorgt. Eine Kokainabhängige servierte praktischerweise. Ob vereinzelt anwesende Prostituierte nur am Suchtgift interessiert waren, wurde im Prozess nicht näher erörtert.

Kokain sollte Spieler „bei Laune halten“

Das Kokain war den Spielern ausgehend vom Erstangeklagten übrigens nicht verkauft, sondern kostenlos zur Verfügung gestellt worden, um sie „bei Laune zu halten“ und zu hohen Einsätzen zu animieren. Bezahlt hatte das Organisatoren-Trio „das Weiße“ übrigens aus dem gemeinsamen Einnahmentopf, dessen Gewinne gedrittelt worden waren.

Vorerst zumindest. Denn der weitergehende Kokainvertrieb des 43-Jährigen im Hinterzimmer stieß dem Zweit- und dem Drittangeklagten schon bald auf. Der Zweitangeklagte zu Richterin Helga Moser: „Ernsthafte Spieler mögen es einfach nicht, wenn dauernd Fremde um den Tisch herumschleichen. Außerdem wurde immer mehr konsumiert. Uns ging es aber ausschließlich ums Spiel und nicht um das Suchtgift!“

Leider waren auch schon beide Spielerfreunde in die Kokainfalle getappt und ab Sommer 2018 zu Drogenkonsumenten geworden: „Ein Riesenfehler. Ich wurde voll abhängig. Dafür haben wir uns geschämt und uns am WC heimlich eine ,Line‘ gezogen“, so der Zweitangeklagte. Der Dritt­angeklagte machte auch klar, warum sie die Pokerrunde in der Amraser Straße mit Beginn 2020 wieder aufgelöst hatten: „Zum Schluss mussten wir in das Pokergeschäft regelmäßig hineinzahlen. Es kamen Leute, wie ein bekannter Gas­tronom. Der verspielte 10.000 Euro, trank fünf Whiskys, zog fünf (Kokain-)Nasen und hatte dann kein Geld dabei. Ich musste damals die Wohnung verlassen, ich hab’s nicht mehr gepackt!“

Verteidiger Mathias Kapferer sah auch deshalb den Zweitangeklagten nicht als Mitglied der kriminellen Vereinigung zum Drogenhandel. 25 Poker-Spieler sollen nun im Frühjahr als Zeugen belegen, dass sie damals gar keine Kokainkonsumenten waren, sondern der 43-Jährige anderes Publikum mit Kokain versorgt hat. Verteidigerin Eva Kathrein schloss sich dahingehend für den Drittangeklagten an. Beide verließen so gestern Abend den Gerichtssaal einstweilen wieder in Richtung Wohnzimmer. Verteidiger Markus Abwerzger bat wiederum um Milde für die kokainsüchtige Serviererin. Sie hatte wegen ihrer Sucht nach 20 Jahren bereits ihren guten Job im Gesundheitsbereich verloren. Ankläger Willam wertete die Geständnisse der verbliebenen fünf Angeklagten: „Alles, was sie zugaben, ist auch mit den Ermittlungsergebnissen nahtlos in Einklang zu ­bringen.“

So setzte es am Abend durchwegs rechtskräftige Strafen bis zu vier Jahre Haft. Dem Erstangeklagten wurden zudem 30.000 Euro seiner Drogenumsätze für an den Staat verfallen erklärt. Die Poker-Serviererin kam mit 720 Euro Geldstrafe davon.


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