„In der Nacht vergraben“: Obergricht gibt „Sternenkindern" Platz

Die Kirche hat Fehler gemacht, gesteht Dekan Franz Hinterholzer ein. Im Obergricht gibt man Familien von so genannten „Sternenkindern“ bewusst Platz zum Trauern.

Dekan Franz Hinterholzer und Marlies Gspan vom Familienkreis besuchen das Sternengrab in Pfunds.
© Reichle

Von Matthias Reichle

Pfunds, Kauns –Vor dem kleinen Denkmal steht eine ganze Reihe Grabkerzen im frisch gefallenen Schnee. Große, kleine, einige brennen. Eine Fußspur führt vom geräumten Friedhofsweg herüber zu dem kleinen Platz mit einer Bank.

„Wenn eine Frau eine Totgeburt hat, soll sie halt eine Woche daheim bleiben, dann wieder arbeiten gehen und dabei ja nicht auf das Lachen vergessen“, fasst Dekan Franz Hinterholzer eine Einstellung zusammen, die in der Vergangenheit bei den meisten vorherrschte. „Die Trauer wurde unterdrückt“, kritisiert er. Mit der Obfrau des Pfundser Familienkreises Marlies Gspan steht er am Pfundser Friedhof. Es ist ein besonderer Ort zum Traurigsein.

Seit 2014 gibt es in der Obergrichter Gemeinde ein so genanntes Sternengrab und damit einen Gedenkort für vor, während oder kurz nach der Geburt verstorbene Kinder.

Die Idee dazu war im Familienkreis entstanden. „Als wird das Projekt 2013 in Angriff genommen haben, war das noch nicht so ein großes Thema“, erinnert sich Gspan. Nur in wenigen Gemeinden gab es da bereits Plätze für die so genannten „Sternenkinder“.

Heute ist das Bewusstsein dafür gewachsen – wenn auch noch längst nicht überall. In so manch größerer Kommune sucht man vergeblich nach einem Sternengrab. Das Obergricht im Bezirk Landeck geht aber mit sehr gutem Beispiel voran. Und das Projekt in Pfunds war Anstoß für Nachbargemeinden, mitzuziehen – wie in Ried (2017) und Fiss (2018). Ziel sei, dass es in allen größeren Orten des Dekanats einen solchen Platz zum Trauern gibt, ist Hinterholzer zuversichtlich. Das jüngste Grab wurde im Dezember in der Gemeinde Kauns eingeweiht.

Für jedes verstorbene Kind steht ein Stern.
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Die Sensibilität für das Thema sei vielleicht deshalb so groß, weil man weiß, wie groß die Versäumnisse der Kirche in der Vergangenheit sind, betont er. Es sei ein unrühmlicher Teil der eigenen Geschichte. „Ungetaufte Kinder wurden bei Nacht und Nebel vergraben. In ganz strengen Zeiten mussten sie außerhalb der Friedhofsmauern beerdigt werden.“ Oder es gab Nischen am Friedhof, wo sie ohne Kreuz, ohne Name und ohne kirchliches Beisein beigesetzt wurden, wie der Dekan erzählt. „Der Papa hat es dort in der Nacht vergraben. Das ist gar nicht so lange her.“ Er spricht von religiös motivierten, ideologischen Gründen. Laut den Lehren des Heiligen Augustinus hieß es, Kinder, die nicht getauft seien, könnten nicht in den Himmel kommen, erklärt er die Grundlage für diese jahrhundertelange Praxis der Kirche.

„Sie waren keine Kinder Gottes“, so Gspan. Die Trauer sei auch daher mit Scham behaftet gewesen. Das zeigte sich auch bei den Vorbereitungen für das erste Grab. Bei einigen älteren Leuten sei das Ganze mit Vorbehalt aufgenommen worden, das habe sich aber schnell geändert. „Es war wie eine große Befreiung.“

Früher habe man vielfach gesagt, „freu dich, jetzt hast du ein Engele im Himmel“, so Hinterholzer. Traurig zu sein, sei nicht erwünscht gewesen – auch in der Familie und in der Verwandtschaft. Betroffene Mütter wurden oft gemieden, bis Gras über die Sache gewachsen sei. „In Wirklichkeit trägt man die Trauer Jahrzehnte mit“, so Gspan.

Aus der Beschäftigung mit dem Thema sind in Pfunds auch andere Initiativen entstanden. So hat der Pfundser Strickkreis begonnen, Kleidung für Sternenkinder anzufertigen. „Es wurden Hunderte Garnituren hergestellt, die im Krankenhaus abgegeben wurden.“ Der Hintergedanke war, dass die toten Kinder liebevoll eingewickelt werden können, so Gspan.

Auch in Kauns wurde im Dezember eine Erinnerungsstätte für vor, während oder kurz nach der Geburt verstorbene Kinder eingeweiht.
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Das jüngste Sternengrab im Dekanat wurde von der Künstlerin Birgit Schneitter gestaltet. Es steht am Friedhof in Kauns. Für Bürgermeister Matthias Schranz ist damit eine Lücke geschlossen. Am Kauner Friedhof können Betroffene nun einen Stern anbringen – wer will, auch mit dem Namen und dem Datum.

In Pfunds gab es bisher zwei Beerdigungen am Sternengrab. Auch dort kann man einen Stern mit Namen in eine Tafel eingravieren. Bisher wurden dort allerdings erst fünf verstorbene Kinder vermerkt. Es werde oft anonym getrauert, weiß Hinterholzer. Vielleicht braucht es noch Zeit, um das Thema aus der Tabuzone zu führen.


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