Des Duce Geschenk für Göring zum Geburtstag

Hermann Brugger spürt in seinem Buch „Kunstraub in Südtirol 1939–1945“ der Heimholungsaktion „deutschen Kulturguts“ ins „Reich“ nach.

Ein Flügelbild des Sterzinger Multscher-Altars, das Mussolini 1941 Hermann Göring zum Geburtstag geschenkt hat.
© stadtmuseum sterzing

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Das Buch, das der Südtiroler Hermann Brugger basierend auf seiner Masterarbeit im Fach Kunstgeschichte geschrieben hat, liest sich spannend wie ein guter Krimi. Nur dass die Geschichten, die hier erzählt werden, nicht gut erfundene, sondern traurig wahre sind. Indem Brugger in akribischer Kleinarbeit die noch immer nicht restlos aufgeklärten Fakten rund um den zwischen 1939 und 1945 erfolgten Transfer bzw. Raub von Kulturgut unter dem Deckmäntelchen der „Option“ kritisch unter die Lupe genommen hat. Sollte im Zuge der von Hitler und Mussolini vereinbarten Übersiedlung der deutschsprachigen Südtiroler Bevölkerung doch nicht nur diese „heim ins Reich“ geholt werden, sondern mit ihr auch deren bewegliches Kulturgut.

Brugger holt in seiner Recherche weit aus. Beginnend mit dem Ausverkauf sakralen wie profanen Kulturguts durch schwindlige Antiquitätenhändler lange vor den faschistischen Zeiten. Wo es nun um den systematischen Transfer einzigartiger Objekte der Kunst geht, in den erstaunlich viele in Nachkriegszeiten scheinbar über jeden Verdacht erhabene Kulturbeamte und Museumsleute involviert waren. Als Mitglieder einer 1939 installierten „Kulturkommission“, die zu entscheiden hatte, welche Objekte als „deutsch“ bzw. „italienisch“ einzustufen sind. Sie sorgten allerdings nicht nur für die Ausfuhr „deutschen“ Kulturguts, sondern tätigten auch gezielte Ankäufe und organisierten laut Burgger groß angelegte Kunstdiebstähle. Wobei die Grenzen zwischen legalem und illegalem Kunsttransfer oft sehr fließend waren.

Hermann Brugger spürt in seinem Buch all dem anhand ausgewählter Fallbeispiele nach. Etwa dem Schicksal des 1456 von der Sterzinger Kirchengemeinde beim Ulmer Bildhauer Hans Multscher in Auftrag gegebenen Flügelaltar für die Pfarrkirche zu Unserer Lieben Frau in Moos. Der im späten 18. Jahrhundert, weil aus der Mode gekommen, zerlegt und in alle Winde zerstreut wurde. In Sterzing geblieben sind die vier Altartafeln, bevor sie auf Anordnung des „Duce“ 1941 Reichsmarschall Göring zum Geburtstag geschenkt wurden. Um nach langwierigen Diskussionen rund um die Besitzfrage 1963 ins Sterzinger Museum „heimzukehren“. Die Zusammenfügung aller Teile des Altars an seinem ursprünglichen Aufstellungsort ist aber bis heute nicht geglückt.

Höchst mysteriös und noch immer nicht aufgeklärt ist auch das Schicksal der unter Denkmalschutz stehenden, für Brugger „illegal ausgeführten“ Bozner Batzenhäusl-Sammlung, die u. a. Arbeiten von Defregger und Egger-Lienz umfasste. Um es gelinde zu sagen, einigermaßen problematisch sind allerdings auch einige Zuwächse des Tiroler Landesmuseums in braunen Zeiten. Etwa der um 1360/80 entstandenen „Maria mit Kind“ aus St. Ulrich im Grödental. Die Gauleiter Hofer 1941 für das Museum in einer Wiener Galerie erworben hat, an die die Skulptur wiederum in den 1930er-Jahren aus einer jüdischen Familie gelangt ist. Wie freiwillig bzw. fair, ist eine der vielen Fragen, die Brugger in seinem Buch aufwirft.

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Sachbuch Hermann Brugger: Kunstraub in Südtirol 1939–1945. Athesia Verlag, 272 Seiten, 30 Euro.


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