Störende Wintersportler: „Ruhe ist für Wildtiere jetzt überlebenswichtig“

Flucht vor Wintersportlern raubt Tieren viel Energie. Wildökologen erhoben Futterstellen, Präsentation zum Projekt Rotwildüberwinterung muss verschoben werden.

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Gesunde Tiere haben mit den derzeit eisigen Temperaturen kaum Probleme. Die Jäger im Bezirk Landeck füllen die rund 120 Futterstellen mit „Gruamat“ – schmackhafte, aber wenig eiweißreiche Nahrung.
© Rudigier

Landeck – Wie überleben Rehe und Hirsche eisige Nächte bei -20 Grad und tiefer? – „Sie haben sich im Herbst eine gute Decke angelegt“, erläutert Rudolf Kathrein, stv. Bezirksjägermeister, im „Jägerlatein“. Übersetzt heißt das, die Tiere haben sich ein dickes Fell und eine Fettschicht aufgebaut. Zudem verweilen sie, so Kathrein, im Ruhemodus, um möglichst wenig Energie zu verbrauchen. „Leider kommt es immer wieder vor, dass sie von Skifahrern und Tourengehern gestört werden. Dann müssen sie flüchten und das ist problematisch.“

Bezirksjägermeister Hemann Siess bringt es so auf den Punkt: „Die Lebensräume für unsere Wildtiere werden immer kleiner. Ruhe ist daher jetzt überlebenswichtig.“ Für schwache oder kranke Tiere könnte eine kräfteraubende Flucht tödliche Folgen haben. An die Wintersportler könne er nur appellieren, Begegnungen mit Wildtieren möglichst zu vermeiden und sich „passiv“ zu verhalten, „damit sie nicht flüchten müssen“, so der Bezirksjägermeister. Wenn Tiere den Winter nicht überleben, sorge die Natur für den Erhalt des Gleichgewichts. „Dann hat der Adler seine Mahlzeit.“

Auf dem Speiseplan an den 120 Futterkrippen im Bezirk steht derzeit schmackhaftes „Gruamat“ (Gräser und Kräuter aus dem zweiten Heuschnitt). Durch eine „optimale Fütterung“ können Wildschäden verhindert werden, weiß der stv. Landesjägermeister. „Im Bergwald findet das Rotwild sonst hauptsächlich Rinde und Nadeln. Ein ungestillter Hunger kann schnell zu forstlichen Schäden führen.“

Beim Thema Fütterung gibt es im Dreiländereck Italien-Schweiz-Österreich völlig unterschiedliche gesetzliche Regelungen. In Tirol müssen Wildtiere im Winter gefüttert werden, „um fahrlässiges Tierleid zu vermeiden“. Im Engadin ist Wildfütterung strikt verboten, in Südtirol ist sie in Notsituationen erlaubt. Vor diesem Hintergrund haben Jäger, Förster, Grundbesitzer und Bauernkammer im Juni 2020 das EU-geförderte Interreg-Projekt (mit 49.500 Euro dotiert) zur Rotwildüberwinterung initiiert. Zudem sollen gesunde Waldbestände sichergestellt werden. Ein Büro für Wildökologie und Forstwirtschaft wurde beauftragt, die Standorte sämtlicher Futterkrippen im Bezirk nach einheitlichen Kriterien zu untersuchen. Das konnte im Herbst erledigt werden.

„Corona-bedingt liegen uns aber noch keine Ergebnisse vor“, bedauerte gestern Koordinator Manuel Wolf von der BH Landeck. Zwecks Erfahrungsaustausch war auch eine Projektpräsentation bzw. ein Workshop mit Interessenvertretern aus dem Dreiländereck geplant. Das Treffen soll im Frühjahr stattfinden. Großes Interesse an dem Pilotprojekt zeigt Landecks Bezirkshauptmann Markus Maaß, der im Juni den Startschuss gab: „Wir brauchen eine aktuelle wildökologische Grundlage für die Behandlung der Wildlebensräume im Winter.“ (hwe)


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