Lehrjahre eines Spannungskünstlers: Wie Hitchock Meisterregisseur wurde

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Klare Konturen, effektvolles Spiel von Licht und Schatten und viel Liebe zum Detail: Alfred Hitchcocks Leben wurde zum Comic-Stoff.
© Splitter Verlag

Innsbruck – Gerade einmal neun Linien brauchte Alfred Hitchcock für das Selbstpor­trät, das sein Markenzeichen werden sollte. Er konnte sich auf die abstrakte Andeutung seines Antlitzes reduzieren, weil alle Welt wusste, wie er aussah. Schließlich hatte er in jedem seiner Filme einen kurzen Gastauftritt. Auch deshalb wurde Hitchcock zum bekanntesten Regisseur seiner Zeit. Zum Künstler wurde Hitchcock aber weder in Hollywood noch in seiner britischen Heimat erklärt, sondern in Frankreich. Dort studierten Filmkritiker sein Spannungskino. Und entdeckten hinter Spannung andere Abgründe, die erforscht werden wollten.

Szenarist Noël Simsolo und Zeichner Dominique Hé ironisieren im neuen Hitchcock-Comic „Der Mann aus London“ den französischen Hang, das Kino auf Teufel komm raus zu intellektualisieren. In einer Szene lassen sie Filmphilosoph André Bazin Hitchcock auf seine „jansenistischen Inszenierungen“ ansprechen. Worauf Hitchcock nachschlagen muss, was das wohl bedeuten könnte.

Simsolo, 76 und selbst verdienter französischer Filmdenker, lässt Bazin und Hitchcock 1954 bei den Dreharbeiten zu „Über den Dächern von Nizza“ zusammentreffen. Der Regisseur hat Zeit, weil jede Einstellung geplant und das Filmen selbst langweilig ist. Von hier blendet die Erzählung zurück, nimmt Hitchcocks Kindheit und seine Kinolehrjahre in den Blick. Hitchcocks Leben ist erschöpfend erforscht. Simsolo erzählt es in anspielungsreichen Anekdoten nach. Der junge Hitchcock kultivierte seine Eigenarten, er lernt Zugfahrpläne auswendig und wägt jeden Schritt ab, weil er Bestrafung für Fehltritte fürchtet. Das alles scheint wie eine Einladung zur Psychologisierung und Pathologisierung Hitchcocks. Aber Simsolo und Dominique Hé interessieren sich glücklicherweise nicht für durchpsychologisierte Eindeutigkeit. Nicht jede Eigenheit lässt sich erklären. „Der Mann aus London“ funktioniert auch deshalb so gut als Comic, weil Hitchcocks Leben wie ein Hitchcock-Film erzählt wird. Hé fasst die Panels mit klarer Kontur, spielt effektvoll mit Licht und Schatten, beweist Liebe zum Detail. Und Simsolo montiert die Erzählung temporeich und assoziativ: vom Muttersöhnchen zum ersten Star der englischen Filmindustrie.

Hitchcock drehte mit „Blackmail“ den ersten britischen Tonfilm – und nützte Ton als Erster, um auch das auszudrücken, was sich nicht einfach sagen lässt. Die Kolportage-Spektakel „Die 39 Stufen“ und „Der Mann, der zuviel wusste“ ebneten ihm den Weg in die USA. Idealisiert wird der werdende „Master of Suspense“ an keiner Stelle. Kein Genie steht im Zentrum, sondern ein brillanter Handwerker – und seine wenig zimperliche Arbeitsweise, sein Hang zur Zote und zur Boshaftigkeit. Man muss diesen Hitchcock nicht mögen, um seine Filme zu lieben. Die will man nach Lektüre von „Der Mann aus London“ wieder sehen. Nicht, um sie zu studieren. Sondern um sie zu genießen. „Manche Filme sind wie das Leben“, hat Hitchcock einmal gesagt. Seine Filme seien wie ein Stück Kuchen.

Teil zwei der Comic-Biografie über Alfred Hitchcock soll im Herbst erscheinen. Dann geht es um seine ­amerikanischen Jahre. Hoffentlich in schönstem Technicolor. (jole)

Comic. Noël Simsolo/Dominique Hé: Alfred Hitchcock – Der Mann aus London. Splitter Verlag, 160 Seiten, 24,70 Euro.


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