Alte Lieder als Geldanlage für die Zukunft

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Bob Dylan.
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Innsbruck – Michael Jackson hatte kein Händchen für Geld. Als er 2009 starb, war er hoch verschuldet. Obwohl er einige der meistverkauften Platten der Musikgeschichte veröffentlicht hatte. Einmal allerdings bewies Jackson herausragenden Geschäftssinn. 1985 kaufte er für ungefähr 40 Millionen Dollar einen Musikverlag, der Tausende Songs verwertet. Es soll Paul McCartney gewesen sein, der Jackson den Investmenttipp gab. Er dürfte es bitter bereut haben. Die Kronjuwelen von Jacksons neuem Schatz waren ausgerechnet die Rechte an allen Liedern der Beatles. Die traten die Erben des „King of Pop“ 2016 an den Enter­tainment-Konzern Sony ab: für 750 Millionen Dollar.

Songrechte sind ein lu­kratives Geschäft. Sie werden zumeist von Musikverlagen vermarktet. Wenn ein Lied irgendwo gespielt wird, im Radio zum Beispiel oder in einer Fernsehserie, werden Lizenzgebühren fällig. Sportartikelhersteller Nike etwa soll für die Nutzung des Beatles-Songs „Revolution“ in einem Werbespot bereits 1987 eine halbe Million Dollar bezahlt haben. Dagegen war „Tomorrow Never Knows“, das 2012 in der Serie „Mad Men“ zu hören war, ein Schnäppchen: Die Produzenten sollen 250.000 Dollar überwiesen haben. Die Urheber, also die Komponisten und Texter der Songs, werden abgegolten.

So jedenfalls lief das Business seit Jahrzehnten. Inzwischen wurde man auch andernorts darauf aufmerksam, dass man mit Songrechten gutes Geld verdienen kann. Auf der britischen Ärmelkanalinsel und Steueroase Guernsey zum Beispiel. Dort hat die Kapitalanlagegesellschaft Hipgnosis Songs ihren Hauptsitz. Hip­gnosis ist seit 2018 auf globaler Einkaufstour, sicherte sich etwa die Rechte an den Liedern der Band Blondie und des R’n’B-Künstlers The Dream, der unter anderem für Beyoncé komponiert.

Vergangene Woche teilte Hipgnosis mit, dass sich der Fonds 50 Prozent der Songrechte von Neil Young sicherte. Kolportierte Einkaufssumme: 150 Millionen Dollar. Der Hipgnosis-Katalog dürfte weiter wachsen: Insider berichten von Verhandlungen mit Dolly Parton und David Crosby. Bei Bob Dylan war Universal Music schneller: Das Unternehmen kaufte Dylans bisheriges Gesamtwerk Ende 2020 für 300 Mio. Dollar. Für die Firmen ergibt das Investment auf den ersten Blick Sinn: Songs, die seit Jahrzehnten Einnahmen generieren, dürften auch in Zukunft Geld abwerfen. Zumal die Verwaltung von Songrechten kaum Ressourcen kostet – und der realökonomische Wert einzelner Lieder durch das Aufkommen von Streaming-Angeboten gestiegen ist.

Warum aber treten Künstler ihre Rechte an bislang permanent sprudelnden Einnahmequellen ab? Bei verdienten Recken wie Dylan oder Young ist der Fall klar: Ein finaler Scheck vergoldet den musikalischen Lebensabend.

Inzwischen bricht sich eine weitere Veränderung im Musikrechte-Handel Bahn: Nicht nur Songrechte werden verkauft, auch die Rechte an einzelnen Aufnahmen. Was das bedeuten kann, hat zuletzt ausgerechnet Superstar Taylor Swift lernen müssen: Sie hat die Rechte an den Aufnahmen ihrer ersten sechs Alben einst an Musikmanager Scooter Braun abgetreten. Und Braun hat sie – ohne Swifts Wissen – für rund 300 Millionen Dollar an die Investorengruppe Shamrock weiterverkauft. Als Komponistin verdient Swift weiterhin an ihren frühen Songs, hat aber keine Kontrolle mehr, wo und in welcher Form sie vermarktet werden. Daher will sie die Platten nun neu einspielen.

Branchenbeobachter sehen die neue Rechteindustrie durchaus skeptisch. Unverwüstliche Evergreens mögen als Anlageobjekt funktionieren. Als kreativwirtschaftlicher Motor ist das Modell aber rückwärtsgewandt. „Die alten Drops werden ausgelutscht“, schrieb kürzlich die Süddeutsche Zeitung. Die Hits der Zukunft lassen sich damit aber nicht finanzieren. (jole)


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