Kunstmarkt der Zukunft: Schöne neue digitale Welt

Corona forciert ein Umdenken: Weder bildende Kunst noch Tanz oder Theater kann derzeit in gewohntem Maße rezipiert werden. Das ist eine Seite der Medaille. Die andere Seite, die Distribution, profitiert indirekt vom Lockdown.

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Sind Saalauktionen ein Relikt der Vergangenheit? 2020 boomten Internetauktionen.
© imago stock&people

Innsbruck – Die Krisen kommen inzwischen im Zehnjahrestakt, die Asienkrise der Neunziger, das Platzen der Internetblase Anfang der 2000er, die Finanzkrise 2008, die Gesellschafts- und Gesundheitskrise 2020. Dirk Boll hat in seiner Karriere beim Aktionshaus Christie’s – inzwischen als Präsident zuständig für Europa, UK, den Mittleren Osten, Russland und Indien – bereits drei Krisen miterlebt – und die Auswirkungen jetzt in einem Buch festgehalten. „Was ist diesmal anders?“ startet den Versuch einer Analyse der Kunstmarktentwicklungen und skizziert gleichzeitig die mögliche Entwicklung der Kunstmärkte in den anstehenden Zwanzigern.

Zentral steht die These: Corona forciert ein Umdenken – angetrieben vor allem durch die Digitalisierung, die laut Boll etwas verzögert, aber doch den Kunstmarkt erreicht hat. Auf dem Feld der Kunstrezeption hat die Beschränkung auf den digitalen Raum natürlich verheerende Folgen: Weder bildende Kunst noch Tanz oder Theater kann derzeit in gewohntem Maße rezipiert werden. Das ist eine Seite der Medaille. Die andere Seite, die Distribution, profitiere indirekt vom Lockdown. Galerien, Auktionshäuser, Kunsthändler fragten sich erstmals, was definiert ihre unternehmerische Qualität und Aussagen? „Die Räumlichkeiten? Das Programm? Ausstellungen und Publikationen? Die Betreuung der Kunstschaffenden? Für die meisten lag die Antwort in der Vorstellung vom Inhalt und Zweck der Kunst, die mit einer Gruppe von Menschen geteilt wird“, schreibt Boll.

Was das für den digitalen Raum bedeutet, erfuhren Kunstmärkte 2020, ob sie wollten oder nicht. Gerade für Auktionshäuser wie den Global Player Christie’s bedeutete das den Durchbruch der Internetauktionen. Schöne neue digitale Welt. 50 Prozent aller angebotenen Objekte bei Christie’s werden 2020 lediglich online versteigert. Boll: „Anders als in der digitalen Frühzeit ist nicht mehr die Kostenersparnis der Grund für die Durchführung von Internetauktionen, es ist die künftige Kundenbasis.“ Die Generation X wird für den Kunstmarkt interessant.

„Was ist diesmal anders?“ ist die erste umfassende Marktanalyse in Buchform, die die Krise schon mitdenkt. Der Leser profitiert vom Expertenwissen Bolls, zumal er auch konkrete Einblicke vor allem in den Bereich der Auktionshäuser liefert – im Marktsprech. „Was ist diesmal anders“ richtet sich also vor allem an Insider. Aber auch an solche, die es noch werden wollen. (bunt)

Sachbuch. Dirk Boll: Was ist diesmal anders? Hantje Cantz, 256 Seiten, 22 Euro.


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