Bruckner in der Gesamtheit: Blick in Korrespondenz

Der vom Geheimtipp zum gefeierten Dirigenten aufgestiegene Rémy Ballot und sein exzellenter Bruckner-Zyklus. Wolfgang Böck liest aus Bruckners Briefen.

Der Franzose Rémy Ballot widmet sich in St. Florian dem Werk Anton Bruckners.
© remyballot.com/Winkler

Innsbruck – Er komponierte an seinen Klangkathedralen bis zur totalen Erschöpfung und wurde im Wien des späteren 19. Jahrhunderts vom Kreis um Kritiker Eduard Hanslick heftig attackiert. Anton Bruckner fühlte sich zeitlebens zutiefst einsam, wankte in seinem Selbstbewusstsein, gab der Kritik von Dirigenten und Förderern nach und änderte seine Partituren. Die vierte Symphonie, die ihm erste Anerkennung brachte, gibt es in sieben handschriftlichen und acht gedruckten Versionen. Bruckners Symphonik macht es den Dirigenten nicht leicht. Aber alle führen sie auf.

Jahrelang war Rémy Ballot ein Geheimtipp. Der Franzose, Jahrgang 1977, gehört generationenübergreifend zu den besten Dirigenten. Nicht einfach nur ein Pultstar, sondern Könner mit immenser musikalischer Ausstrahlung.

Bei den jährlich im August stattfindenden Brucknertagen im Augustiner Chorherrenstift St. Florian, Bruckners geistiger Heimat, führt Ballot die Symphonien Bruckners auf (entfielen 2020 Corona-bedingt). Von Jahr zu Jahr steigerte sich der Enthusiasmus von Publikum und Presse, das Wiener Label Gramola veröffentlicht auf CD die Mitschnitte (nur Nr. 1 und 4 fehlen noch), die von der ersten Veröffentlichung an mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurden.

Wie Ballot die weiten Bögen Bruckners spannt, wie er mit den Blöcken und Brüchen umgeht, die Spannung, die er auch aus Klang zieht, hält, steigert und löst, die immer organisch sich entwickelnde dynamische Dimension zwischen tiefstem Schmerz und Ekstase – das ist so mitreißend wie seine neuen Ansätze auch lohnend sind.

Ballot, in Paris geboren und am dortigen Konservatorium in den Fächern Violine, Dirigieren, Musiktheorie und Musikpädagogik ausgebildet, durfte als Teenager unter seinem Mentor Sergiù Celibidache seinen eigenen Stil entwickeln. 2004 verließ er Paris und ging nach Wien.

Seine bisher letzte CD, ein Live-Mitschnitt und wie in den meisten Konzerten mit dem Altomonte Orchester, gilt Bruckners Zweiter Symphonie in der Erstfassung von 1872. Der Komponist wurde zu Umarbeitungen gedrängt, „um das Publikum nicht zu überfordern“. Das Werk wirkt schwierig in seiner Architektur, oft zerrissen und spröde. Der präzise Ballot schafft es, den Charakter zu wahren, er gestaltet großartige Gegenwelten, erreicht aber auch ein Fließen und gibt der Zweiten einen Puls. Er stiftet Sinn, ohne dieser Musik ihre Rätsel zu nehmen. Das Altomonte Orchester St. Florian erweist sich erneut als klangmächtiges Ensemble.

Auf der Basis von Lesungen öffnet das Label Gramola nun auch den Blick in Anton Bruckners Korrespondenz. Die erste CD enthält Briefe aus seinen Jahren in Oberösterreich, vor allem während seiner Zeit als Linzer Dom- und Stadtpfarrorganist von 1855 bis 1868. Wolfgang Böck liest die Texte mit seiner volltimbrierten, wandelbaren Stimme leicht regional getönt mit sachlicher Anteilnahme und führt damit nah an Bruckners Persönlichkeit heran.

Dazu wenig bekannte, teils überraschende Lieder und Klavierstücke des Komponisten, dargeboten von der Sopranistin Elisabeth Wimmer und dem einst bei den Tiroler Festspielen Erl vielseitig tätigen Dirigenten und Pianisten Daniel Linton-France. (u.st.)

Klassik Rémy Ballot, Altomonte Orchester St. Florian: Anton Bruckner: Symphonie Nr. 2. Gramola. Lesung mit Musik Wolfgang Böck, Elisabeth Wimmer und Daniel Linton-France: Böck liest Bruckner I. Gramola.


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