„Unheimlich nah": Flucht aus dem goldenen Käfig

In „Unheimlich nah“ beschreibt Johann Scheerer autobiografisch, wie seine Familie nach der Entführung des Vaters versuchte, wieder in die Spur zu kommen.

Johann Scheerer, Jahrgang 1982, ist Musiker, Musikproduzent und Schriftsteller.
© Stefan Schmid/Piper Verlag

Von Markus Schramek

Innsbruck, Hamburg – Johann heißt Scheerer mit Nachnamen wie seine Mutter Ann Kathrin. Doch das ist seine einzige Unauffälligkeit namentlicher Natur. Erst 13 ist er, als sein berühmter Vater Jan Philipp Reemtsma, Publizist und Millionenerbe eines Tabakimperiums, 1996 in Hamburg entführt wird. Reemtsma, damals 43, wird 33 Tage lang gefangen gehalten. Nach einer Lösegeldzahlung von 30 Millionen DM (15 Millionen Euro) kommt er wieder frei (siehe Kasten).

Sohn Johann verarbeitet als Erwachsener die traumatische Zäsur seiner Jugend, ja deren Verlust, in zwei autobiografisch durchwirkten Büchern. „Romane“ nennt er sie, doch erzählt wird von realen Begebenheiten.

2018 erscheint „Wir sind dann wohl die Angehörigen“, Scheerers Schilderung der Entführung. Drei Jahre später legt er, inzwischen 38 und als Musiker und Musikproduzent tätig, nun noch einmal nach.

Keine Rede von Normalität

„Unheimlich nah“ heißt Scheerers kürzlich erschienenes Buch. Er beschreibt darin, was es heißt, nach einem schweren Verbrechen wie jenem an seinem Vater zurück zur Normalität finden zu wolle­n. Um es vorwegzunehmen: Von Normalität kann keine Rede sein, nie wieder.

„Unheimlich nah“ setzt an bei der Rückkehr von Familie Scheerer-Reemtsma in ihr Anwesen im Hamburger Nobelviertel Blankenese. Das Grundstück, bebaut mit mehreren Häusern, wird zur Festung ausgebaut: unüberwindbare Zäune, Überwachungskameras, Lichtschranken, Überstiegsalarme, alles, was die Technik so hergibt.

Und überall so genannte Personenschützer. Das Entführungsopfer und seine Familie werden im Schichtbetrieb rund um die Uhr von Securities bewacht, die Schusswaffen stets griffbereit. Kein Schritt ins Freie erfolgt ohne Begleitung der speziell trainierten Muskelmänner in ihren Anzügen, die unvermeidliche Sonnenbrille vor den Augen. Die Angst vor Nachahmungstätern ist groß.

Wie soll unter solchen Vorzeichen ein pubertär gebeuteltes Bürschl wie Johann so etwas wie Freiheit erfahren, das tun, was als altersangemessen gilt? Sich seltsam kleiden, die Haare färben, Partys feiern, Krach vulgo Musik machen in einer Band und, logo, Mädchen kennen lernen?

Wohin Johann auch geht, ein Bewacher am Steuer einer dunklen Limousine folgt ihm wie sein Schatten. Lange vor Unterrichtsbeginn erscheint er in der Schule, damit nur ja kein Mitschüler seinen Begleiter zu Gesicht bekommt.

Die Bodyguards, körperlich gestählt und mächtig testosterongesteuert, haben natürlich ihren Spaß mit dem blassen, schmalen Wurf Johann, den sie gelegentlich in misslicher Lage auflesen und nachhause kutschieren.

Sachlich und unaufgeregt im Jugend-Jargon formuliert

Jan Philipp Reemtsma macht als Vater im Buch keine glückliche Figur. Er ist ganz der intellektuelle Denker, dessen Kopf sich beständig zwischen zwei Buchdeckeln befindet. Auf Johanns Vorsprachen reagiert er einsilbig, oder er nervt den Filius, indem er dessen Ausdrucksweise kritisiert und in astreines Hochdeutsch berichtigt. Das taugt wohl kaum als tragfähiges Gerüst für eine Beziehung zwischen Vater und Sohn.

An Johanns Schreibstil gibt es jedenfalls nichts groß auszusetzen. Der Sohn formuliert sachlich und unaufgeregt im Jargon der Jugend. Seine Schreibe erinnert an Wolfgang Herrndorf in „Tschick“, wohl auch, weil in beiden Büchern jungen Menschen beim Heranwachsen über die Schulter geschaut wird.

„Unheimlich nah“ ist aber weit mehr als bloß ein weiterer Nachschlag für das Coming-of-Age-Fach. Scheerers Perspektive ist die eines Wesens im goldenen Käfig. Alles Geld kann ihm den Glauben an die heile Welt nicht mehr wiederbringen.

Autobiografischer Roman – Johann Scheerer: Unheimlich nah. Piper 2021, 331 Seiten, 22,70 Euro.

Millionär, Mäzen und Entführungsopfer

Jan Philipp Reemtsma, Johann Scheerers Vater, wird 1952 in eine Dynastie von Zigarettenfabrikanten hineingeboren und wächst in Hamburg auf. Der kultursinnige Hanseat verkauft 1980 gemeinsam mit seiner Mutter den Mehrheitsanteil am Tabak-Konzern für etwa 300 Millionen Mark (150 Mio. Euro).

Reemtsma studiert Germanistik und Philosophie, er arbeitet als Publizist, Honorarprofessor sowie als Förderer von Literatur und von Schriftstellern wie Arno Schmidt („Zettels Traum“).

Am 25. März 1996 wird Reemtsma auf seinem Grundstück in Hamburg überwältigt und entführt. Die Geiselnehmer halten ihn fast fünf Wochen lang in einem Kellerverlies bei Bremen fest. Nach Zahlung von rund 30 Millionen Mark lassen sie ihn frei.

1998 wird der Drahtzieher der Entführer in Argentinien gefasst und Ende 2000 in Hamburg zu vierzehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Über seine Geiselhaft und die ständigen Todesängste veröffentlicht Reemtsma 1997 das Buch „Im Keller“. (TT)

Jan Philipp Reemtsma war 33 Tage in einem Verlies eingesperrt.
© APA/DPA/DANIEL REINHARDT

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