Der in kühle Vernunft gehüllte Wahnsinn: Patricia Highsmiths Biographie

Patricia Highsmiths Geburt jährt sich heute zum 100. Mal. Die Autorin starb 1995 in Locarno.
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Innsbruck – „Sie war nicht nett. Sie war selten höflich.“ So beginnt Joan Schenkars große Biografie „Die talentierte Miss Highsmith“. Das Buch erschien 2015. Da jährte sich Patricia Highsmiths Tod zum 20. Mal. Auf mehr als 1000 Seiten gestaltet Schenkar aus, was es heißt, wenn man nicht nett und selten höflich ist. Konsequent ist man dann. Und kompromisslos. Eine Zumutung vielleicht, für die, die es gut mit einem meinen, aber eben auch ungefährdet, sich in konventioneller Langeweile zu verlieren.

Natürlich ist das Bild von der bösen Frau, die noch bösere Bücher schrieb, auch ein Stück weit Klischee. Auch das stellt Biografin Schenkar aus: „Niemand konnte leben wie Pat“, hat die Autorin Marijane Meaker, eine ihrer zahllosen, meist katastrophal endenden Liebschaften, über Highsmith geschrieben, „nicht einmal Pat selbst.“ Man darf davon ausgehen, dass sich Patricia Highsmith auch darüber keine Illusionen gemacht hat. Sie machte sich über nichts Illusionen.

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Heute vor 100 Jahren wurde Patricia Highsmith geboren. Irgendwo in Texas. In New York wuchs sie heran. Las schon als Kind Studien über Feuerteufel und Spanner, ahnte früh, dass man den Menschen ihre Abgründe nicht ansieht. Schon in ihrem ersten Buch ging es um in kühle Vernunft gehüllten Wahnsinn, um das perfekte Verbrechen, das stattfindet, weil es möglich ist. „Zwei Fremde im Zug“ erschien 1950. Alfred Hitchcock adaptierte den Roman ein Jahr später für das Kino. Der Film machte Highsmith berühmt – und ermöglichte ihr, sich in Europa niederzulassen. Ihren zweiten Roman, „Salz und sein Preis“ (1954), musste sie trotzdem unter einem Pseudonym veröffentlichen. Sie erlaubte sich, eine – autobiografisch grundierte – lesbische Liebesgeschichte gut ausgehen zu lassen. Mordende Ehemänner waren gefragt, Frauen, die sich näherkommen, blieben Tabu. Erst 1990 bekannte sich High­smith öffentlich zu dem später als „Carol“ (2015) verfilmten Text.

Erfolgreich war Highsmith mit Kriminalliteratur. Die gängigen Regeln des Genres kümmerten sie freilich wenig. Sie befreite den Krimi vom heuchlerischem Moralismus. Bei Highsmith gibt es keine Ermittler, die die vom Verbrechen erschütterte Welt wieder in Ordnung bringen. Bei Highsmith gibt es feinmechanisch getaktete Zufälligkeiten, die besonders ruchlosen Zeitgenossen die Möglichkeit der Vorteilsnahme eröffnen. Tom Ripley etwa, den sie für „Der talentierte Mister Ripley“ (1955) ersann und dessen Verbrecherkarriere Highsmith bis 1991 über fünf Romane spann, wird vom Trickser zum Mörder, der immer wieder Morden muss. Manchmal mit gutem Grund, meistens, weil sein einmal erreichter Lebensstandard bedroht wird.

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22 Romane und zahllose Erzählungen hat Patricia High­smith veröffentlicht. Ihre Tage- und Notizbücher hat die Autorin zeit ihres Lebens wie einen Schatz gehütet. Nach ihrem Tod wurden sie hinter Bettwäsche in der „Casa Highsmith“, dem zum Fort umgebauten Tessiner Rückzugsort der öffentlichkeitsscheuen Autorin gefunden. Joan Schenkar hat die rund 8000 Seiten für ihre Biografie bereits ausgewertet. Im Herbst dieses Jahres sollen die „Diaries/Notebooks“ beim Züricher Diogenes-Verlag veröffentlicht werden. Für die Pariser Tageszeitung Le Monde ist die Sache bereits klar: „Eines der literarischen Highlights des Jahres“. (jole)


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