Leitartikel zu EU-Streit mit AstraZeneca: Wenn Präpotenz auf Ohnmacht trifft

AstraZenecas herablassender Umgang mit der EU überrascht nicht, Dokumentation und Transparenz ließen bislang auch zu wünschen übrig. Über die Qualität des Impfstoffs sagt das aber nichts. Darüber entscheidet morgen die EMA.

Gabriele Starck

Von Gabriele Starck

Die Euphorie ist dem Katzenjammer gewichen. Die zuletzt noch bejubelte Leistung von Forschung und Pharmaindustrie, binnen weniger Monate wirkungsvolle und sichere Impfstoffe gegen ein neues Virus zu entwickeln, ist hinter der Gewissheit verblasst, dass es für die große Mehrheit noch sehr lange dauern wird, selbst immunisiert zu werden.

Dass nun ausgerechnet jenes Vakzin auslässt, das die Durchimpfung in der EU hätte massiv beschleunigen sollen, erklärt den Zorn der Politik auf AstraZeneca. Doch eigentlich überrascht die kurzfristige Ankündigung des britisch-schwedischen Pharmakonzerns, vorerst weniger als die Hälfte der vereinbarten Einheiten zu liefern, nicht.

Denn zumindest öffentlich machte das von der Universität Oxford entwickelte Vakzin mehr mit Pannen als mit belastbaren Daten von sich reden. Dokumentationsprobleme, Änderungen in der Dosierung – all das kann vorkommen. Im Falle von AstraZeneca/Oxford drängt sich allerdings schon länger der Verdacht auf, dass man vielleicht zu überheblich an die Sache herangegangen ist. Der Streit um die Lieferkürzungen bestärkt diesen Eindruck nur.

Das sagt nichts über die Qualität des Impfstoffs aus, Vertrauen schafft man aber anders. Und genau darum muss – angesichts der Impfskepsis in Europa – mit umso mehr Sorgfalt und Transparenz gekämpft werden. AstraZeneca tut das Gegenteil. Auf Basis der bislang veröffentlichten Ergebnisse ist nach wie vor unklar, wie wirksam der Impfstoff ist und ob inzwischen schon ausreichend über 55-Jährige getestet wurden, um es für diese zuzulassen. Die EMA wird es morgen mitteilen. Und da die EU nicht nur eine Notfallzulassung anstrebt wie die Briten, sondern eine bedingte Marktzulassung, bedeutet das höhere Schutzmaßnahmen, strengere Kontrollen und Verpflichtungen.

Das Bild, das die EU in diesem Streit abgibt, ist weniger überheblich als vielmehr erbärmlich. Die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt zeigt in dieser Causa Ohnmacht: Drohungen, die im Nichts verpuffen werden, geheime Verträge, die es unmöglich machen zu beurteilen, wer nun die Wahrheit sagt bzw. in wessen Mitte sie liegt.

Letztlich ist aber einerlei, ob AstraZeneca vorerst nur eingeschränkt verimpft werden kann oder ob Lieferschwierigkeiten die Impfpläne sabotieren. Die Hoffnung, dass sich mit einer schnellen Durchimpfung der Europäer bald vieles wieder einrenkt im Leben, wird schon wie-der enttäuscht und das Durchhaltevermögen auf eine weitere harte Probe gestellt.


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