Neuer Museumschef will in Leipzig „Rückenwind“ schaffen

Seit Anfang Jänner ist Stefan Weppelmann der neue Direktor des renommierten Museums der bildenden Künste (MdbK) in Leipzig. Es ist die erste Direktorenstelle für den deutschen Kunsthistoriker, der zuvor der Leiter der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien war. Mit der APA sprach Weppelmann über die Unterschiede zwischen Leipzig und Wien, sein Selbstbild als Direktor und die Frage, weshalb man bisweilen auch Ausstellungen mit „Geräusch“ braucht.

APA: Sie haben nun in Leipzig Ihre erste Direktorenstelle angetreten - an einem von den Bürgern gegründeten Haus, das nicht auf eine dynastische Sammlung zurückgeht. Empfinden Sie Ihre neue Position persönlich auch als Bruch mit Ihrer Wien-Zeit?

Stefan Weppelmann: Ich würde sie eher als eine Entwicklung denn als einen Bruch sehen. Ich bin hier in Leipzig mit einer stärker aktuellen Zeitbezogenheit konfrontiert - und das war einer der Gründe, die meinen Wechsel motiviert haben. Aber es gibt auch am Museum der bildenden Künste eine große Sammlung der klassischen Meister. Was tatsächlich neu für mich ist, ist die Möglichkeit, medienübergreifend und epochenübergreifend zu arbeiten. Das war in Wien nur bedingt möglich. Kaum eine Sammlung ist so in sich abgeschlossen, wie die der KHM-Gemäldegalerie, die von ihrem dynastischen Ursprung geprägt ist. Ein Gemälde zu kaufen, das seinen legitimen Platz unter Tizian und Dürer fände, würde viele Millionen Euro erfordern. Aber ich war natürlich auch in Wien in Projekte mit zeitgenössischem Bezug involviert, wenn Sie etwa an die Ausstellung „Beethoven bewegt“ denken. Aber richtig ist, dass ich bis dato noch keine Sammlung betreut habe, die so stark auch mit zeitgenössischem Kunstschaffen zu tun hat.

APA: Wie definieren Sie Ihre Rolle als Direktor? Wollen Sie auch in Leipzig kuratorisch arbeiten?

Weppelmann: Ich möchte natürlich auch mit meinem Tun die Stadtgesellschaft erreichen und freue mich, wenn ich hier kuratorisch tätig sein kann. Und klar ist, dass ich mehr Ideen habe, als wir hier im Gespräch erörtern können. Aber das, was ich denke, ist weniger wichtig, als das, was mein Team denkt. Ich möchte zunächst einmal zuhören, ausloten, wo die Institution steht und wo sie hin möchte. Ich bin sicherlich nicht angetreten, mir anzumaßen, der Kenner der neuesten Leipziger Schulen zu sein. Ich bin angetreten als jemand, der gerne lernt und ein Bildgedächtnis mitbringt. Ich möchte versuchen, dieser Sammlung Rückenwind zu verschaffen.

APA: Ist die Rolle eines Museumsdirektors in einer Stadt mit gut 600.000 Einwohnern eine andere als in einer Millionenmetropole?

Weppelmann: Große, nationale Einrichtungen wie die Berliner Gemäldegalerie oder das Kunsthistorische Museum erfüllen wichtige Rollen für ein reisendes Publikum, für internationale Gäste und setzen auch Akzente im Blick auf Repräsentation von Hauptstadt und Nation usw. Ein städtisches Museum wie das MdbK stellt etwas andere Aufgaben. Wenn man diese ernst nimmt, wird es auch darum gehen, beizutragen, dass eine Stadtgesellschaft funktioniert und nicht nur ein Konglomerat an Menschen ist, die zufällig am selben Ort wohnen. Das Museum ist hier das Werk aller Bürgerinnen und Bürger. Es ist nichts Gegebenes, sondern ein steter Prozess.

APA: Was für Sie nach Wien ebenfalls neu sein wird, ist die junge Architektur des Museums der bildenden Künste. Wie gut funktioniert diese als Ausstellungshaus?

Weppelmann: Das Haus ist fantastisch mit seiner Außenhülle gleich einer Membran - die vielleicht noch interessanter bespielt werden kann - und mit den vielen Freiflächen, die direkt barrierefrei an den städtischen Raum anschließen. Und im Inneren haben wir zum Teil monumentale, 17 Meter hohe Räumlichkeiten, zum Teil aber auch kabinettartige Abfolgen. All das ist ein idealer Zusammenklang, der den Besucherinnen und Besuchern auch ein physisches Erlebnis bietet - was durchaus eine Parallele zum Kunsthistorischen Museum wäre.

APA: Bis dato war Ihr Haus von einer hohen Schlagzahl an Ausstellungen geprägt. Wird das angesichts der Folgen der Coronapandemie zu halten sein?

Weppelmann: Ich möchte die Antwort vom Thema Corona ablösen. Wir müssen nicht aufgrund fehlender Ressourcen zurückstecken. Man kann aber die Frage stellen, ob eine Ausstellung nicht vielleicht auch einmal einen dreijährigen Vorlauf haben darf und damit ein entsprechend massiveres Projekt wird, das auch über Leipzig hinaus strahlt. Die Gesamtzahl unserer Ausstellungen wird deshalb weniger werden, weil wir stärker in die Tiefe arbeiten wollen, vielleicht ein Forschungsprojekt mit einer Schau verbinden, eine Digitalisierungsstrategie entwerfen, etc. Natürlich wird auch wichtig sein, hin und wieder Ausstellungen mit einem gewissen „Geräusch“ zu haben, damit die Menschen auf unser Haus und damit auf unsere Stadt schauen.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)


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