Wenig verloren, Neues gewonnen: Was vom Heim-Unterricht bleibt

Bei der Rückkehr in die Schule müssen Kinder und Jugendliche Versäumtes aufholen, sie haben im Heim-Unterricht aber auch neue Kompetenzen erworben.

Schüler haben gelernt, sich selbst zu organisieren, und digitale Kompetenzen erworben.
© E+

Von Theresa Mair

Innsbruck – Ein Jahr im Leben eines Siebenjährigen macht ein Siebtel seiner Lebenszeit aus. Ein Jahr im Leben eines 40-Jährigen ein Vierzigstel von dessen Lebenszeit. Mit diesem Rechenbeispiel kann man sich vorstellen, wie lange Schülern die Zeit vorkommt, die sie bereits auf den Unterricht in der Klasse verzichten müssen. Die Pandemie ist für viele Kinder und Jugendliche noch dazu die erste Krise, die sie erleben. Die mit Corona verbundene Unsicherheit macht ihnen häufig Angst – und Angst behindert beim Lernen.

Dazu kommt, dass trotz vieler Stunden im Home-Schooling der Lernstoff über den Bildschirm nicht immer gleich gut vermittelt werden kann wie im Präsenzunterricht. Nicht in allen Fächern kann der ganze vorgesehene Stoff durchgenommen werden.

„Schule lebt grundsätzlich vom didaktischen Dreieck: den Inhalten, die von Schülerinnen und Schülern und Lehrenden gemeinsam erarbeitet werden. Das digitale Lernen, auch wenn es technisch funktioniert, kann die unmittelbare Beziehung nicht kompensieren, die aktuell fehlt. Es hat eine Verschiebung von den Unterrichtenden auf die Eltern gegeben“, sagt Christian Kraler vom Institut für LehrerInnenbildung und Schulforschung an der Uni Innsbruck.

Manche Eltern könnten Unterstützung leisten, manche nicht, aus unterschiedlichsten Gründen. Fazit: Es wird zwar keine ganze Generation an Bildungsverlierern geben. Doch die Schere der Bildungsungerechtigkeit hinsichtlich der sozialen Schichten klafft nach beinahe einem Jahr mit Corona noch weiter auseinander.

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Die Krise ist ein Vergrößerungsglas für Schwachstellen, die es davor schon gab.
Christian Kraler (Universität Innsbruck)

„Mit Zahlen muss man vorsichtig umgehen, weil sie sich schwer von einer Region auf eine andere umlegen lassen. Der Ballungsraum Wien etwa hat andere Herausforderungen als ein Dorf in Tirol. In Tirol scheint es so, dass wir im Mittel etwa drei Prozent der Schüler nicht erreichen. Es gibt hier eine hohe Übereinstimmung mit jenen, die auch im Regelunterricht schwer zu erreichen sind“, sagt Kraler. Das seien vor allem Kinder aus sozial benachteiligten und bildungsfernen Schichten. „Die Krise ist ein Vergrößerungsglas für Schwachstellen des Bildungssystems, die es schon zuvor gegeben hat.“

Das Aufholen des Stoffs sei nicht das große Problem. Bei der Rückkehr in die Schule, brauche es eine Diagnose der Defizite und ein fokussiertes Herangehen, dann könne Fehlendes aufgeholt werden. Anders ist die Situation für Schüler, die vor dem Wechsel in eine höhere Schule oder der Matura stehen. „In den 10. und 11. Schulstufen geht es stofflich am dichtesten zu, da bleibt nach hinten keine Zeit, um das zu kompensieren. Hier muss für die Reifeprüfung eine Lösung gefunden werden.“

Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Uni Wien, ist eine der Leiterinnen der Studie „Lernen unter Covid-19“. Eines der zentralen Ergebnisse der bereits vierten Online-Befragung, an der mehr als 13.000 Schüler (10 bis 21 Jahre) teilgenommen haben: Vor allem die Oberstufenschüler fühlen sich zunehmend durch Leistungsdruck und viele Stunden vor dem PC belastet und entmutigt. „Über 60 Prozent arbeiten mehr als acht Stunden täglich für die Schule.“ Mehr als die Frage, wie man Stoff aufholen könne, stehe hier im Vordergrund, den Schülern, die abgehängt wurden, Zuversicht zu geben, dass sie die Schule schaffen können, und sie zu ­unterstützen.

Über 60 Prozent der Schüler arbeiten mehr als acht Stunden täglich.
Christiane Spiel (Universität Wien)

„Wir müssen alles versuchen, um alle zu erreichen“, sagt Spiel. Und zwar individuell: Während manche nur gezielte fachliche Unterstützung bräuchten, könnte anderen ein langfristiges Buddy-System helfen. Lehramtsstudierende, könnten etwa im Praktikum Schüler begleiten und ihnen helfen, sich selbst organisieren zu lernen. Ein Schuljahr zu wiederholen, sollte unter Einbindung des Schülers und seiner Eltern nur in Extremfällen erwogen werden.

Kraler schlägt vor, dass man statt von einer Generation Corona-bedingter Bildungsverlierer von einer „Pioniergeneration“ sprechen könnte. „Die Schülerinnen und Schüler haben tatsächlich bestimmte Inhalte nicht gelernt, dafür etwas anderes. Sie müssen sich selbst organisieren und haben wie die Lehrenden einen Digitalisierungsschub gemacht. Das sind Kompetenzen, die sie in Zukunft unbedingt brauchen.“


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