Kriechmayr und Co. in der Hauptrolle: „Normal sind wir hier nur Statisten“

Im Vorjahr schrammte Vincent Kriechmayr als Zweiter knapp am Abfahrts-Triumph auf der Streif vorbei. Mit Kitzbühel hat der 29-jährige Oberösterreicher eine Rechnung offen – gerade heuer, wo alles anders ist.

Im Vorjahr verpasste der Oberösterreicher Vincent Kriechmayr als Zweiter nur um 0,22 Sekunden den Sieg, heuer zählt der 29-Jährige nach Rang zwei in Bormio wieder zum engsten Favoritenkreis.
© gepa

Von Roman Stelzl

Kitzbühel – Es ist ruhig unter dem Hahnenkamm. Das erst­e Abfahrts-Training wurde gestrichen, umso majestätischer und unantastbar thront die berüchtigte Streif über Kitzbühel. Eingehüllt in eine tief verschneite Winterlandschaft, die sich heuer den meisten nur virtuell am (TV-)Bildschirm zeigen wird. Denn der Zielraum bleibt leer.

Im Vorjahr war dieser Zielraum mit gut 60.000 Zuschauern gesteckt voll, als Vincent Kriechmayr mit Startnummer 9 seine bisher beste Kitzbühel-Performance mit einer grünen Eins des Führenden krönte, ex aequo mit dem Wahl-Tiroler Beat Feuz (SUI) und unter dem frenetischen Jubel der heimischen Fans. Dass nur gut 15 Minuten später sein Landsmann Matthias Mayer zur neuen Bestzeit rast­e, ließ die Stimmung ebenso explodieren wie den Traum vom ersten Kitzbühel-Sieg für Kriechmayr platzen.

„Es ist ein Privileg, dass wir Skifahrer hier fahren dürfen“

An diesem Dienstag steht der 29-jährige Oberösterreicher vor dem Kitzhof und blickt auf ein gespenstisch leeres Kitzbühel und wird sagen: „Es ist ein Privileg, dass wir Skifahrer hier fahren dürfen.“ Er wird darüber sprechen, dass alles anders („Die Stimmung war immer faszinierend und hat extra viel motiviert“) und doch alles gleich ist („Das Rennen bleibt das gleiche“). Was der sechsfache Weltcupsieger aber nicht sagen wird, ist, dass er gerade hier noch eine überfällige Rechnung mit den Hahnenkamm-Rennen offen hat.

2018 war Kriechmayr auf dem Weg zur Bestzeit, als er in der Traverse den möglichen Sieg vergab. 2019 verpatzte der WM-Dritte die Abfahrt komplett („Das war völlig für die Würscht“) und im Vorjahr hatte nur „da Moth­l“ was dagegen, dass er nach der Lauber­hornabfahrt (2019) den zweiten großen Klassiker für sich entschied.

„Ich habe hier runter schon einige Rennen verschenkt, aber letztes Jahr war ein Signal nach oben“, sagt Kriechmayr und ergänzt: „Die Freude auf Kitzbühel ist groß, es ist immer eine coole Geschichte, wenn man im Ziel steht und die Streif bezwungen hat.“ Richtig wohl fühlen könne man sich auf dieser Strecke nicht, weil sie „furcht­einflößend und fordernd“ ist. Aber nichtsdestotrotz ist es genau das, was den Abfahrtssport ausmacht.

Was das Fehlen der Fans angeht, steckt der Zweite der bis dato letzten Abfahrt (Bormio/30.12.) wie gesagt im Zwiespalt. „Es wird ungewohnt sein. Normal sind wir hier nur die Statisten für die Belustigung der Promis“, scherzt Kriechmayr. „Jetzt kommt man nach dem Rennen schnell ins Hotel, früher hat man sich immer durch die Fans schummeln und unbemerkt bleiben müssen. Aber es war eine tolle Stimmung, die ich richtig aufgesaugt habe. Da wollte man noch mehr zeigen, dass man Mut hat.“

Den wird Kriechmayr nach fast vierwöchiger Speed-Pause und dem Abschalten zuhause („Einfach mal nicht übers Skifahren reden“) ab heute brauchen, stehen doch gleich fünf Einsätze an (zwei Trainings, zwei Abfahrten, ein Super-G). „Jetzt geht es Schlag auf Schlag“, sagt Kriechmayr und schließt in Richtung der Journalisten: „Das nächste Mal sehen wir uns hoffentlich im Ziel.“ Dann wenn möglich mit der Eins. Vor dem Namen. Und nach dem Rennen.


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