Opernstar Placido Domingo: Freudentränen nach Jahr der Krise

Opernstar Plácido Domingo gerät gegen Ende seiner großen Karriere in massive Turbulenzen: Vorwürfe sexueller Verfehlungen, eine schwere Covid-19-Erkrankung. Heute wird der Sänger 80 Jahre alt.

Wird es seine Abschiedsvorstellung in der Staatsoper? Plácido Domingo tritt am Freitag bei „Nabucco“ vor leeren Rängen auf.
© APA/dpa

Wien – Oper gilt in breiten Kreisen und speziell beim jüngeren Volk als schwer vermittelbare Kunst. „Warum reden die nicht einfach miteinander, anstatt schwer verständlich in den höchsten Tönen zu singen?“, bringt Lisa Eckhart ihre Opern-Aversion im Roman „Omama“ so köstlich auf den Punkt.

Doch im Jahr 1990 waren Opernarien urplötzlich populär wie nie zuvor. Die Idee dazu war genial, die Umstände günstig: Man nehme drei der weltbesten Tenöre, platziere sie, am Vorabend des WM-Endspiels im Fußball, auf einer Open-Air-Bühne in Rom und lasse sie vor einem Milliardenpublikum im TV Gassenhauer wie „Nessun Dorma“ und „O Sole Mio“ in den Nachthimmel schmettern.

Der Rest ist Geschichte. Die drei Tenöre José Carreras, der 2007 verstorbene Luciano Pavarotti und Plácido Domingo waren schon zuvor Stars der Oper. Als singendes Triumvirat wurden sie überdies zu Popstars, zu Brückenbauern zwischen ernster Musik und dem Unterhaltungsgeschäft.

Rückblick auf Erfolgreiche Karriere

Lange ist das her. Plácido Domingo wird heute 80. Im Rückblick erinnert er sich an „den großen Spaß“ damals zu dritt auf der Bühne. Leicht verschwommene Aufnahmen von 1990 zeigen die drei, wie sie wild gestikulierend beraten, wer bei der schon laufenden Zugabe die nächsten Takte solo übernimmt.

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Mehr als 30 Jahre später ist Plácido Domingo zu seinem runden Geburtstag in Wien zu Gast. In der leeren Staatsoper wird eine Wiederaufnahme von Verdis „Nabucco“ für das Fernsehen aufgezeichnet, mit Domingo in der Titelrolle.

Ein Kreis der langen Zusammenarbeit schließt sich damit. 1967 debütierte der Spanier im Haus am Ring. Dieser pandemischen Tage kann er sich wenigstens via TV von seinen Wiener Fans verabschieden (Programmhinweis am Textende). Schon im September, als vorübergehend Kultur vor Publikum wieder möglich war, sorgte Domingo als „Simon Boccanegra“ in der Staatsoper für Beifallsstürme. In Wien liegt man ihm zu Füßen.

Vorwürfe sexueller Belästigung

Nach dem für Domingo bis dahin katastrophalen Jahr 2020 muss sich dieser Applaus besonders süß angefühlt haben. Die Karriere des 1941 in Madrid geborenen Sängers schien im Totalcrash zu enden. Im Zuge der #Metoo-Bewegung hatten ihm 2019 mehrere Kolleginnen sexuelle Belästigung vorgeworfen, vielfach anonym. Anzeigen wurden nicht erstattet.

In den USA wurde Domingo daraufhin zum gefallenen Star. Im Herbst 2019 trat er als Chef der Oper von Los Angeles zurück. Eine Untersuchung kam ebendort später zum Schluss, „dass bestimmte Vorwürfe des unangemessenen Verhaltens glaubwürdig“ seien. Auch die berühmte „Met“ in New York beendete nach fünf Jahrzehnten die Zusammenarbeit.

Domingo stellte sich bei seiner Verteidigung nicht gerade geschickt an. Im Februar 2020 verlautete er eine Art Entschuldigung für sein Verhalten. Ein halbes Jahr später ruderte er in die Gegenrichtung. In einem Interview im spanischen Fernsehen stellte er klar, dass er sexuelle Belästigung verurteile und niemals jemanden belästigt habe.

Schwere Covid-19-Erkrankung

Zu diesem Zeitpunkt hatte Domingo neben den Vorwürfen noch eine zweite persönliche Krise zu überwinden gehabt: Nach einer schweren Covid-19-Erkrankung musste er ein halbes Jahr pausieren. Bei der Rückkehr auf die Bühne, außer in Wien trat er im Herbst u.a. in Italien auf, vergoss er Tränen der Freude.

Wie lange Domingo der Opernwelt noch als aktiver Sänger erhalten bleibt, ist fraglich. Ans Aufhören denke er nicht, hat er, auch nach 60 Karrierejahren, jüngst in Interviews zu Protokoll gegeben. Es gebe für ihn in der Musik „noch viele Träume zu verwirklichen“. Stimmlich ist der als „Jahrhundertsänger“ gefeierte Künstler jedoch schon vor einigen Jahren vom Tenor- ins tiefere Baritonfach gewechselt.

Domingos Leistungsnachweis ist schon jetzt kaum noch zu toppen. 150 Partien hat er gemeistert, ein unfassbares Spektrum zwischen Verdi, Puccini und Wagner. 4000-mal ist er aufgetreten – mitunter auch als Dirigent.

Info:

Guiseppe Verdis „Nabucco“ mit Plácido Domingo in der Titelrolle wird am 22. Jänner um 16.30 Uhr live aus der Staatsoper gestreamt und am 24. Jänner um 20.15 Uhr in ORF III ausgestrahlt.

Der Spross einer Madrider Sängerfamilie wuchs in Mexiko auf. Seit 1962 ist er in zweiter Ehe mit der Sopranistin Marta Ornelas verheiratet. Er ist Vater von drei Söhnen und mehrfacher Großvater.

Möglicherweise ergibt sich bald schon mehr Zeit für seine Familie. (mark)


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