Speed-Asse hadern mit der tristen Kulisse: „Da tut das Skifahrer-Herz weh“

Kitzbühel einmal anders, ein Rennen ohne Zuschaue­r, mit einem Drittel weniger Helfer und virtueller Fan-Beschallung von einem Mobilfunkbetreiber.

So einsam und ohne Fan-Belagerung verließ Vorjahressieger Matthias Mayer den Zielraum der Streif noch nie.
© Florian Madl

Von Florian Madl

Kitzbühel – Urs Kryenbuehl eröffnete das gestrige Training, mit dem Schweizer nahm die „neue Normalität“ in Kitzbühel ihren Ausgang. Es fehlten einem geradezu Promis auf der Tribüne, die Fellstiefel Hansi Hinterseers im Athletenbereich, die Zigarre Arnold Schwarzeneggers und die Lederjacke Andreas Gabaliers. Auch das ist Kitzbühel, nur heuer eben nicht.

„Tiefschnee am Ganslern, wann gab es das zuletzt bei einem Rennen?“, meinte Wolfgang Leitner, ein Urgestein des Kitzbüheler Ski-Clubs. Auch Robert Trenkwalder, Österreichs einst so erfolgreicher Speed-Trainer und gestern als Kiebitz dabei, kann sich an diese gähnende Leer­e zu Hahnenkamm-Zeiten nicht erinnern.

Ausgerechnet ein Schweizer Journalist bohrte nach der Wengen-Absage im Herz der Nostalgiker: „Ist das hier nicht wie bei einem Schülerrennen?“, fragte der Eidgenosse seinen Landsmann Beat Feuz angesichts der tristen Kulisse. Der nickte nach seiner gestrigen Trainingsfahrt: „Da tut einem das Skifahrer-Herz weh.“

Hannes Reichelt erinnert sich bei diesem Thema an Rennen, deren Fieberkurve ähnlich niedrig ist: „Das ist – ja – wie in Lake Louise.“ Auch in der kanadischen Einöde passt sich der Spannungs­pegel den arktischen Temperaturen an.

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Dem Radstädter Routinier fehlen die Zuschauer wie vielen anderen, einzig Matthias Mayer braucht den Trubel nicht: „Es ist einmal Kitzbühel zum Genießen.“ Keine Fans, die den Olympiasieger außerhalb des Stadions belagern, den Weg ins Teamhotel kann der Kärntner ohne Begleitschutz absolvieren.

Der Oberösterreicher Vincent Kriechmayr übte sich in Pragmatismus: „Es ist, wie es ist.“ Den Zielraum kannte der 29-Jährige ohne die temporären Aufbauten, die Tribünen und den KitzRaceClub allerdings nicht: „Als ich hierherkam, musste ich mich zuerst einmal orientieren.“

Kitzbühel einmal anders, ein Rennen ohne Zuschaue­r, mit einem Drittel weniger Helfer und virtueller Fan-Beschallung von einem Mobilfunkbetreiber. Anders – das gilt auch für den Tagesablauf, der sich um einige Stunden nach vorne verlagert:

Bereits um 19 Uhr schließt in den Beherbergungsbetrieben die Küche. „Da sind wir zumeist schon im Zimmer“, erzählt Max Franz. „Alles ein bisschen anders“, merkte der Kärntner an. Nur in einem sind sich alle Sportler einig: „Sind wir froh, dass überhaupt gefahren wird.“


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