Roman "Dave": Die gnadenlose Gottmaschine

Großartig: In Raphaela Edelbauers neuem Roman „Dave“ geht es um Künstliche Intelligenz – und um vorgegaukelte Gewissheiten.

Mit ihrem Romandebüt „Das flüssige Land“ war Raphaela Edelbauer 2019 für den Deutschen und den Österreichischen Buchpreis nominiert.
© Victoria Herbig

Innsbruck – In Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ heißt das fehlfunktionierende Elektronengehirn HAL – und wird vom Astronauten Dave, beim Schwungholen für den nächsten Evolutionssprung der Menschheit, abgeschaltet. Bei Raphaela Edelbauer heißt der Supercomputer Dave – und wird als größtmögliche Hoffnung angepriesen. Zunächst jedenfalls. Die Welt, die Edelbauer in ihrem neuen Roman zunächst beschreibt, ist einigermaßen im Eimer. Wie kaputt sie ist, wird in „Dave“ nach und nach erahnbar: Menschliche Maßlosigkeit hat das Draußen unbewohnbar gemacht. Was drinnen übrig blieb, ist hierarchisch streng geordnet. Halb Bunker, halb Labor. Hier wird Dave zugearbeitet. Denn Dave verspricht Rettung. Ist die Gottmaschine einmal mit dem ganzen Weltwissen gefüttert, wird sie auch wissen, wie es weitergehen soll. So weit die Theorie, die reine Lehre. Auch Syz glaubt daran. Bedingungslos. Er kennt die zu messianischen Heilserzählungen entrückten Geschichten jener Nerds, die die ersten Computer steuerten, auswendig. Und will sich als deren Nachnachnachkomme nun von Künstlicher Intelligenz steuern lassen. Auf dass alles Leiden endlich aufhöre.

Schon als Kind war Syz ein Dave-Fan. Den selbst gestrickten Dave-Pullover trug er stolz. Obwohl er wusste, dass er hässlich war. Inzwischen programmiert er. Wie Tausende andere auch arbeitet er in Zwölfstundenschichten am angedachten Allmachtsalgorithmus. Und er steigt auf im System. Warum, bleibt zunächst rätselhaft. Und darüber reden darf Syz auch nicht. Er kommt den Fortschrittsvorreitern auf höchster Entscheidungsebene jedenfalls gefährlich nahe – und ringt mit seinem Glauben. Geht es bei Dave wirklich um das Gute? Oder steht hinter der reinen Lehre ein dreckiges Geheimnis? Ist Dave ein Fake? Ein gefälschter Fake vielleicht?

Ohne zu viel zu verraten: Wäre die Sachlage in „Dave“ eindeutig, wäre Edelbauers Roman nicht nur um einiges kürzer, er wäre auch weit weniger spannend. Denn mit „Dave“ beweist die 30-Jährige, dass sie sich neben den Qualitäten, die schon „Das flüssige Land“ auszeichneten, auch auf beinahe kolportagehafte Erzählmechaniken versteht. „Dave“ lässt sich über weite Strecken als gut gebauter, wendungsreicher Science-Fiction-Thriller lesen. Liest man ihn genau, sollten manche Details allerdings misstrauisch machen. Sagen wir es so: Die Schilderungen eines in erster Person erzählenden Protagonisten, der schon in jungen Jahren Schachrätsel durch zufällig erwürfelte Hindernisse zusätzlich verrätselte, wollen mit Vorsicht genossen werden. Und auch der Hinweis, dass sich Syz allabendlich eine Dosis Weltliteratur verabreicht („Dostojewski oder Proust, Nabokov, solche Dinge“), ist mehr als bloße Figurencharakterisierung. Gerade seine narrative und meta-narrative Feinmotorik sorgen dafür, dass „Dave“ nicht nur ein Schmöker für diesen oder den nächsten Lockdown ist, sondern ein besonders hinterhältiges Vexierspiel, das man am liebsten gleich nochmal lesen möchte.

Zumal Edelbauer wunderbar anschaulich von zeitlos Aktuellem erzählt, von Verblendung und der Angst vor Ernüchterung, von fatalem Fortschrittsglauben und nicht zuletzt von den Gefahren des Erzählens selbst. „Es geht nicht um Wissen, es geht um Erzählen“, lässt sie eine offen als dubios etikettierte Type an einer Stelle sagen. „Dave“ führt beides, das Wissen und das Erzählen, nachgerade exemplarisch zusammen. Man lernt viel über die Arbeit an Künstlicher Intelligenz, über Geschichte und Gegenwart des Digitalen und „Gedächtnispaläste“ von Cicero bis heute – und noch mehr lernt man über die sprichwörtlich unheimliche Kraft, Fakten und Fiktion zu einer Geschichte zu verdichten, die Gewissheiten vorgaukelt – und gerade deshalb brandgefährlich ist.

Als Entwurf einer so gar nicht schönen, neuen Welt ist „Dave“, ganz nebenbei erwähnt, beißend komisch. Wenn etwa daran erinnert wird, dass auf der postapokalyptischen Erde alle Nutztiere in der guten Absicht, Leid zu verhindern, geschlachtet wurden. Schließlich sei Nichtexistenz weniger schmerzhaft als regelmäßiges Gemolkenwerden. Obwohl in „Dave“ kaum etwas das ist, was es zu sein scheint, ist der Schritt von wohlmeinender Technokratie zum Totalitarismus auch hier ein kleiner. (jole)

Roman Raphaela Edelbauer: Dave. Klett-Cotta. 432 S., 25,70 Euro.


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