Streif-Spektakel in Kitz beginnt: Die Jäger des verlockenden Schatzes

Ein Sieg auf der Streif ist der Ritterschlag jedes Abfahrers. Einige Szenestars gieren seit Jahren vergebens nach der Gams. Heute ab 11.30 Uhr (Live-Ticker auf TT.com) in der 500. Herren-Abfahrt der Weltcupgeschichte gibt es die erste von zwei Chancen.

Das Kitzbüheler Streif-Spektakel geht heuer ohne Zuschauer über die Bühne. Der Bereich um die Strecke ist großräumig abgesperrt.
© JOE KLAMAR

Von Roman Stelzl und Max Ischia

Kitzbühel – Es ist das Nonplusultra des Abfahrtssports, der heilige Gral der langen Latten, die alpine Super Bowl – ein Abfahrtstriumph auf der Streif wird in einem Atemzug mit WM- bzw. Olympia-Gold genannt. Kurzum: Ein Streif-Triumph gehört – im besten Fall – auf die Visitenkarte jedes großen Abfahrers.

Die Streif-Sieger

Diese vier Herren wissen, wie sich ein Sieg bei der Hahnenkammabfahrt anfühlt:

Matthias Mayer

Was für ein Gefühl: Der 30-jährige Kärntner kommt als amtierender Champion der Hahnenkammabfahrt sowie als letzter Weltcup-Sieger (30.12./Bormio) nach Kitzbühel. Das sollte dem Doppel-Olympiasieger viel Auftrieb geben, auch wenn die Trainings wenig verheißungsvoll waren.

Dominik Paris

Der Sänger einer Heavy-Metal-Band gab oft den Ton an auf der Streif. Dreimal (2013, 17, 19) gewann der 31-jährige Ultentaler schon die Abfahrt, 2015 den Super-G. Hält Paris seinen Zwei-Jahres-Rhythmus, schlägt der Familienvater auch trotz fehlender Hochform heuer in Kitzbühel zu.

Kjetil Jansrud

Nach dem Kreuzbandriss von Gesamtweltcupsieger Aleksander Aamodt Kilde ist der 35-jährige Wikinger die größte Hoffnung der Norweger. 2015 gewann der Abfahrts-Weltmeister die wetterbedingt verkürzte Sprint-Abfahrt, auf ganzer Länge fehlt Jansrud aber noch der Streif-Erfolg.

Hannes Reichelt

Mit seinen 40 Jahren ist der Salzburger der älteste Teilnehmer der 81. Hahnenkammrennen. Dass das aber gerade hier mehr Trumpf denn Hindernis ist, bewies der Sieger von 2014 (damals mit Bandscheibenvorfall!) als Trainings-Dritter. Überraschung wäre Reichelt allemal.

Da trifft es sich gut, dass heute (Wengen-Ersatz) und Samstag (Original-Rennen) gleich zwei Abfahrten auf der wohl berühmtesten Rennstrecke der Welt stattfinden, gefolgt von einem Super-G am Sonntag. Wer immer heute zuschlagen sollte, er wird als Sieger der 500. Herren-Abfahrt in die Weltcup-Historie eingehen.

➡️ Startliste Kitzbühel-Abfahrt am Freitag

Kriechmayr und Co, jagen die Gams

Beat Feuz: Auf die Frage, ob er etwas von seiner Konstanz gegen den Streif-Triumph eintauschen würde, hatte der Wahl-Tiroler schon einmal schmunzelnd erklärt: „Ja, irgendwie schon.“ Viermal in den letzten fünf Jahren war der bald 34-jährige Schweizer Abfahrts-Zweiter, einzig 2017 kam der Familienvater nicht ins Ziel, und war dabei bis zur Traverse überlegen auf Siegkurs. Im Vorjahr sah alles nach Erfolg aus, dann kam Matthias Mayer und nahm dem Emmentaler die Butter vom Brot. „Ich bin mit Kitzbühel im Reinen, auch wenn ich es nicht mehr gewinne“, sagte Feuz einst. Die Form ist nicht bestechend (3. in Gröden), aber keiner der Jäger weiß so gut, was er hier zu tun hat, wie Feuz.

Beat Feuz.
© APA

Vincent Kriechmayr: Zeitgleich mit Beat Feuz fehlten dem zweitplatzierten Oberösterreicher im Vorjahr gerade einmal 22 Hundertstelsekunden auf Matthias Mayer und damit auf die Goldene Abfahrts-Gams. Wer den 29-jährigen Modellathleten aus Gramastetten kennt, der weiß, dass er in den vergangenen 365 Tagen nichts unversucht gelassen hat, um den letzten Schritt nach ganz oben zu beschleunigen. Für viele überraschend wechselte er im Frühjahr die Skimarke (von Fischer auf Head) und hat zuletzt in Bormio seine Topform ausgespielt – Platz zwei im Super-G, Platz zwei in der Abfahrt. Gestern war er Erster – freilich nur im Training. Ein schlechtes Omen sieht freilich anders aus.

Vincent Kriechmayr.
© APA

Ryan Cochran-Siegle: Auf der Website des US-Skiverbandes steht treffend: „Ryan startete die Saison mit einem Bang!“ So kann man es auch gut und gerne beschreiben, denn was der 28-jährige Sohn von Olympiasiegerin Barbara Ann Cochran heuer zeigt, reicht sonst nur mehr für ein „Wow“. Der Abfahrts-Juniorenweltmeister von 2012, der über Jahre hinweg den Anschluss suchte, wurde Zweiter der Gröden-Abfahrt und gewann mit dem Bormio-Super-G sein erstes Rennen. Cochran-Siegle, der noch nie die Streif voll bezwang (Ausfall im Vorjahr), steht an der Spitze der heuer so starken US-Garde. Mit der Bestzeit im ersten Training vor Landsmann Travis Ganong untermauerte er seine Ambitionen.

Ryan Cochran-Siegle.
© APA

Johan Clarey: Beim Blick auf die Startliste für die heutige Abfahrt finden sich zwei Fahrer, die ihren 40er schon hinter sich haben: Hannes Reichelt und der Zweitälteste im Feld, der Franzose Johan Clarey, der sein erstes Weltcup-Rennen im neuen Lebens-Jahrzehnt bestreiten wird. Die gestrige Generalprobe des Super-G-Vize-Weltmeisters von 2019 ging sauber daneben: Beim Zielsprung, der von vielen Seiten kritisiert wurde, kam Clarey zu Sturz, aber immerhin glimpflich davon. Vielleicht ist es die Initialzündung. 2017 fehlten dem ältesten WM-Medaillengewinner als Dritter 33 Hundertstel, im Vorjahr als Vierter 27. Nun hat er zwei Chancen, um nicht mehr der ewige Zweite zu sein.

Johan Clarey.
© gepa

Max Franz: Zwölfter in Val d’Isere, Neunter in Gröden und 13. in Bormio – die Kärntner „Wildsau“ ist schon einmal mit breiterer Brust nach Kitzbühel angereist. Dort, wo sich in den vergangenen Jahren vieles, wenn nicht alles, gegen ihn verschworen hat. 2016 stürzte er im Training (u. a. Riss des vorderen Syndesmosebandes im linken Sprunggelenk), 2017 verlor er in der Mausefalle einen Ski, 2018 musste er mit Magen-Darm-Infekt zuschauen und 2019 brach er sich das Fersenbein und verpasste damit auch die WM. Im Vorjahr hatte Franz als 15. nichts mit der Entscheidung zu tun. Auch heute spricht wenig für den 31-Jährigen – vielleicht ist es gerade das, was für den Trainings-Dritten spricht.

Max Franz
© APA

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