Angespannte Lawinensituation: Riskante Sorglosigkeit am Berg

Bei Lawinengefahr der Stufe 3, wie sie derzeit in Tirol herrscht, passieren die meisten Unglücke.

Besonders unerfahrene Wintersportler sollen derzeit vorsichtig sein, mahnt Rudi Mair, Chef des Tiroler Lawinenwarndienstes.
© APA/BARBARA GINDL

Innsbruck, Kirchberg – In rauen Mengen Schnee, die Sonne scheint nicht zu knapp und die Lawinengefahr ist im Vergleich zum vergangenen Wochenende auch gesunken. Ideale Bedingungen für alle Tourengeher oder Variantenfahrer? Der Schein trügt.

Zu sehr sollten sich Wintersportler nicht in Sicherheit wiegen, warnt Rudi Mair, Leiter des Tiroler Lawinenwarndienstes. Quasi flächendeckend herrscht im Land aktuell erhebliche Lawinengefahr der Stufe 3. „Hier fühlen sich die Leute sicher“, sagt Mair. „Aber durch die Kombination aus einem störanfälligen Fundament, enorm viel Schnee und heftigem Wind in höheren Lagen kann jemand, der sich am Berg nicht gut auskennt, leicht eine Lawine auslösen“, erklärt er. „Gefahrenstufe 3 haben wir etwa ein Drittel des Winters ausgerufen, in dieser Zeit passieren allerdings rund zwei Drittel aller Unglücke.“

Wie angespannt die Lage im Moment ist, erlebte Mittwochvormittag auch ein 61-jähriger Bergführer in Kirchberg. Mit einem Gast aus Deutschland plante er, über eine steile Rinne unterhalb des Roßgruberkogels abzufahren. Bereits nach wenigen Schwüngen löste sich laut Auskunft der Polizei ein Schneebrett, das den Mann rund 250 Meter mitriss. Da der 61-Jährige seinen Lawinenairbag aktivieren konnte, wurde er nur zum Teil verschüttet und konnte sich selbst befreien. Dennoch musste er mit Verletzungen unbestimmten Grades ins Krankenhaus Kufstein gebracht werden.

Ärzte der Innsbrucker Klinik kämpfen indes weiter um das Leben eines 15-Jährigen, der vorgestern in Schwendau im freien Skiraum von einer Lawine erfasst wurde. Der Jugendliche konnte erst nach 30 Minuten aus einer Schneetiefe von zweieinhalb Metern geborgen werden.

„Bislang erleben wir in Tirol einen sehr kritischen Winter“, befindet Rudi Mair. Allein am vergangenen Samstag habe es 13 organisierte Einsätze wegen Lawinen gegeben, bei denen in irgendeiner Form Menschen betroffen waren. Um „den Faktor zehn höher“ betrage laut Mairs Schätzung die Zahl jener Zwischenfälle, die einfach nicht gemeldet wurden. Insgesamt hätten sich am zurückliegenden Wochenende in den Tiroler Bergen Hunderte Schneebretter gelöst. „Die Zahl der Opfer darf nicht als Gradmesser für die Lawinengefahr hergenommen werden“, betont er. „In der Schweiz, wo die Situation am Berg ähnlich war wie hierzulande, gibt es heuer so viele Tote wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Nur durch Glück ist in Tirol bisher nicht mehr passiert.“ (bfk)


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