Monika Helfer: Der endlose Schatten der eigenen Geschichte

Teil 2 von Monika Helfers Familien-Trilogie. „Vati“ ist der späte Versuch einer Annäherung an den verstorbenen Vater.

Monika Helfer verarbeitet ihre Kindheit im neuen Roman „Vati“
© imago/Rudolf Gigler

Von Markus Schramek

Bregenz, Innsbruck – Monika Helfer glückte im Vorjahr mit dem biografischen Roman „Die Bagage“ ein Bestseller: mehr als 100.000 verkaufte Bücher. Mutig stellte sich die Vorarlberger Autorin ihrer eigenen schmerzlichen Familienchronik. Darin liegt wohl der Grund für die große Resonanz: Auch viele von uns Lesern tragen wie Helfer ein familiäres Packtl mit sich herum, ohne es je loszuwerden.

In „Die Bagage“ schildert die Verfasserin die lebensfeindliche Realität ihrer Großeltern mütterlicherseits auf einer „Gstättn“ weit hinten im Tal, verarmt und von den Bewohnern im Ort verachtet.

Fortsetzung in der Familiensaga

Am heutigen Montag wird Teil 2 dieser, wie Helfer beteuert, auf Tatsachen beruhenden Familiensaga veröffentlicht: „Vati“ ist das Porträt von Helfers Vater Josef – oder zumindest der Versuch, ihn posthum zu verstehen.

Denn Josef behält Zeit seines Lebens seine Gedanken für sich und seine Kinder auf Distanz. Er spricht so wenig, dass es auffällt, wenn er einmal weiter ausholt. Den Heiratsantrag stellt folglich nicht er, sondern seine künftige Frau. Am liebsten liest er sich quer durch ganze Bibliotheken. Diese Leidenschaft lebt in seinen Kindern weiter.

Folglich erfahren wir wenig Persönliches über Helfers Vater, der kriegsversehrt mit einem halben Bein weniger aus Russland zurückkommt. In einem Erholungsheim für Kriegsopfer auf 1200 Metern Seehöhe oberhalb von Bludenz wächst Monika Helfer mit ihren drei Geschwistern auf. Ihr Vater Josef ist dort der Heimleiter. Er und seine Frau Grete, Monika Helfers Mutter, hatten sich im Lazarett kennen gelernt.

Schwierige Beziehung zum Vater

Dass Gretes Mann ausgerechnet Josef heißt, ist bitter-ironisch: Auch Gretes Vater hieß Josef. Er wechselte kein Wort mit Grete, denn er war der festen Überzeugung, dass Grete ein Kuckucksei sei, das ihm seine Frau, Monika Helfers Oma, untergejubelt habe.

So tragen beide Eltern schwer an der eigenen Kindheit. Josef wuchs als lediges Kind auf einem Bauernhof auf, Grete wurde vom Vater ausgegrenzt. Wahrlich keine guten Voraussetzungen dafür, dass das eigene Familienleben einmal besser funktioniert. Josef Helfer vergöttert zwar seine Frau, doch die Kinder sind oft sich selbst überlassen.

Und dem Helfer-Nachwuchs wird vom Leben viel zugemutet. Josef, richtig besessen von Büchern, will verhindern, dass die Bibliothek des Erholungsheims verscherbelt wird. Er versteckt das wertvolle Gedruckte, das allerdings nicht ihm gehört. Aus Angst, dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden, brennen bei ihm die Sicherungen durch: Er vergiftet sich – und überlebt mit knapper Not nach einem langen Aufenthalt im Krankenhaus.

Tragödie folgt weiter auf Schicksalsschlag. Monika Helfers Mutter stirbt an Krebs, die Kinder kommen zu Verwandten, Josef gerät in die nächste Krise. Diese meistert er mit Hilfe seiner späteren zweiten Frau. Und als der „Vati“ mit 67 stirbt, geschieht auch das unter dramatischen Umständen. Die geliebten Bücher werden ihm zum Verhängnis.

Nahtlos weiterlesen

Wer „Die Bagage“ kennt, wird „Vati“ wie nahtlos weiterlesen. Aus der Sicht des Kindes, das sie damals war, schildert Monika Helfer Ungeheures, Absurdes und Tieftrauriges. Es ist die Geschichte eines Aufwachsens auf dem Land, anfangs in materieller Not, doch viel schwerer wiegt die Gefühlsarmut der Erwachsenen. Das Leben könnte idyllisch sein wie im fernen Bullerbü. Doch anders als bei Astrid Lindgren währt bei Helfer die Idylle nur für Momente.

Und die Familiengeschichte bietet noch Stoff für mehr. Nächstes Jahr will Monika Helfer, 73, eine Trilogie vollenden: mit „Löwenherz“, einem Buch über ihren Bruder Richard, der sich mit 30 Jahren das Leben nahm.

Biografischer Roman Monika Helfer: Vati. Hanser, 176 S., 20,60 Euro.


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