Wiener Staatsoper: „Nabucco“ für alle, Domingo forever!

Zum 80er berührte Plácido Domingo mit Verdi in der Wiener Staatsoper. Die ORF-III-Kameras filmten mit.

© Wiener Staatsoper/Pöhn

Von Stefan Musil

Wien – Gähnende Leere im Parkett und auf den Rängen. Nur wenige Logen sind einzeln besetzt. Dort dürfen ein paar glückliche Mitarbeiter des Hauses und Kritiker sitzen, für die während der drei Stunden die Staatsoper der wunderbarste „Arbeitsplatz“ sein darf. Man spielt „Nabucco“. Wenigstens einmal, und nur für die TV-Kameras, so wie die Oper ursprünglich rund um den 80. Geburtstag von Plácido Domingo fünfmal im Spielplan angesetzt gewesen war.

Im Parkett sind ein paar Sitzreihen ausgeräumt. Denn so wie im Theater an der Wien, wo man drei Tage davor eine großartige Neuproduktion der kaum gespielten „Thaïs“ von Jules Massenet mitgefilmt hatte, wurde nun auch in der Staatsoper ein großer Kamerakran für dynamische TV-Bilder installiert. Kurz bevor Marco Armiliato in den Orchestergraben eilt, erklärt Direktor Bogdan Rošcić noch vor dem Vorhang, dass es sich um eine TV-Aufzeichnung handele und es möglich sei, dass man unterbreche. Das wird nicht der Fall sein. Die Vorstellung läuft wie am Schnürchen. Der Chor ist wunderbar einstudiert, das Orchester spendet unter Armiliato sicher koordinierten Verdi-Wohlklang, manchmal, wohl aufgrund des leeren Hauses, vielleicht ein wenig laut. Auch die Sängerriege rund um den Jubilar lässt wenig Wünsche offen: Freddie De Tommaso begeistert als Ismaele mit kraftvollem Tenorschmelz in einer einstigen Domingo-Rolle, Anna Pirozzi gibt mit wendigem, herrlich bissigem Sopran eine furiose Abigaille, Szilvia Vörös ist die luxuriöse Fenena, Daniel Jenz (Abdallo) und Aurora Marthens (Anna) lassen vielversprechend aufhorchen, nur Riccardo Zanellato bleibt etwas kraftlos als Zaccaria.

Aus einer der Logen schaut sogar Rošcićs Vorvorgänger Ioan Holender für einen TV-Sender zu. Nicht nur dass aus seiner Zeit die nüchtern fantasielose „Nabucco“-Inszenierung von Günter Krämer stammt, hat er so manche künstlerische Schlacht mit Domingo geschlagen, 2007 auch 40 Jahre Domingo an der Wiener Staatsoper feiern lassen. Als Verdis Don Carlo hat der Tenor 1967 am Haus debütiert, 1988 wurde er Ehrenmitglied, ist an über 250 Abenden, über 40-mal auch als Dirigent, aufgetreten. In den letzten Jahren im Baritonfach, zuletzt erst im September als Verdis Simon Boccanegra. Damals vor wenigstens einigen hundert Besuchern, die ihn am Ende immer wieder vor den Vorhang riefen.

Ganz auf Jubel muss der große alte Mann der Oper, der, glaubt man den Gerüchten, sogar schon über 80 ist, dann doch nicht verzichten. Nach dem gespenstisch stillen Verbeugen, nachdem die Kameras abgeschaltet sind, überraschen Chor und Orchester den Jubilar mit einem herzhaften „Happy Birthday“ und überschütten den gerührten Domingo mit lautem Applaus. Ein ergreifender Schlusspunkt für einen Abend, der schon davor vielfach berührte. Vor allem als Domingo, dem natürlich die gewohnte Kraft von früher nicht mehr zu Gebote steht, als vom Thron gestoßener, verwirrter Babylonier-König am Ende in seinem Gebet an den Gott der Hebräer wieder zu sich findet. Da leuchtet plötzlich groß auf, was diese Rekordkarriere, diesen einzigartigen Sänger ausmacht: die große Präsenz, herrliche Phrasierung und der immer noch aufblitzende Schmelz und Glanz in seiner Prachtstimme. Es war einer der Momente, die man unbedingt festhalten möchte. Wer weiß, wie oft das noch möglich sein wird.

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