Tausende Stimmen verstummt: Schwere Zeiten für Tirols Chöre

Es sind schwere Zeiten für Tirols Chöre. Die Vorsicht verdrängt die Begeisterung.

Der Chor St. Aegidius aus Igls hat seine Proben in den virtuellen Raum verlegt.
© Chor St. Aegidius

Von Rosa Karbon

Innsbruck, Igls – Donnerstag ist Probetag. War er zumindest, bis ein Virus im vergangenen Jahr Tirols Chorgemeinschaften verstummen lies. Ein „choronakonformes“ Proben wurde unmöglich: Zwei Meter Abstand, Mund-Nasen-Schutz, regelmäßiges Lüften und das alles nur in Kleingruppen mit Zeitlimit. Nur wenige nahmen die Proben im Herbst mit den strengen Auflagen wieder auf. Doch es gibt Ausnahmen.

Von den vielen Herausforderungen, mit denen Chöre derzeit zu kämpfen haben, kann Alois Schellhorn, Stellvertretender Landeschorleiter und Geschäftsführer des Tiroler Sängerbundes, ein Lied singen. „Die soziale und psychologische Wirkung von Singen in der Gruppe auf den Menschen ist enorm. Mit dem Ausfall der gemeinsamen Proben geht die Gruppendynamik den Bach runter“, sagt Schellhorn. Im vergangenen Jahr hätte nur etwa ein Prozent der geplanten 6500 Auftritte stattgefunden. Hauptberufliche Chorleiter müssten teils mit einen 100-prozentigen Dienstentgang klarkommen. Die Stimmen rosten, die Hoffnung schwindet.

Überleben für kleinere Chöre ungewiss

Ton in Ton verhält es sich in der sakralen Musik. Raimund Runggaldier, Kirchenmusik­referent der Diözese Innsbruck, beklagt die steigende Zahl an Chören mit sinkenden Mitgliederzahlen. Verursacht teils durch mangelnde Begeisterung, teils durch besondere Vorsicht der oft schon etwas älteren Sängerinnen und Sänger. „Wenige der Tiroler Emporen bieten genügend Platz für den nötigen Abstand. Arbeitet man mit kleineren Ensembles, braucht es auch eine andere Literatur, die man sonst selten in den Kirchen hört“, meint Runggaldier. Für einige kleinere Chöre sei ein Überleben mit ausreichend Mitgliedern ungewiss.

Beim Chor St. Aegidius in Igls wird nun aber ein anderer Ton angeschlagen. Chorleiter Martin Astenwald organisierte vergangene Woche die erste Online-Probe über die Videochat-Software Zoom. Einziges Problem dabei ist die Zeitverzögerung bei der Tonübertragung. Während der 46-Jährige mit seinem Klavier am Mikrofon sitzt, müssen sich die restlichen Mitglieder selbst stumm schalten. Die vormalige Skepsis wich einer positiven Resonanz. „Ich persönlich habe diese erste Probe sehr intensiv und dicht erlebt“, sagt Astenwald. Er spüre beim Großteil der Sänger eine bemerkenswerte Motivation und Achtsamkeit. Geprobt wird für ein Konzert im Juli, wobei zwei Stücke von Vivaldi neu einstudiert werden müssen. Für die Zeit, in der wieder gemeinsam in Räumen gesungen werden darf, plant der Igler Chor, eine Corona-Teststraße einzurichten.

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Zumindest manche haben es geschafft, wenn auch auf unkonventionelle und kreative Art und Weise, ihre Stimme gegen das Virus zu erheben. Gemeinsam singen – singen mit einer ganz besonderen Note.


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