Ein Zeitzeuge vom Dienst: Ein Nachruf auf Überkünstler Arik Brauer

Er war ein Urgestein der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, Mitbegründer des Austropop und ständiger Mahner. Jetzt ist Überkünstler Arik Brauer tot. Ein Nachruf.

Arik Brauer hat sich verabschiedet: Der Universalkünstler starb 92-jährig im Kreis der Familie.
© APA

Von Barbara Unterthurner

Innsbruck, Wien – Den Tod stellte Arik Brauer nicht als düsteres Gerippe dar oder als schwarzen Raben. Der Todesengel in einem Bild von 1997 ist eine farbenfrohe Erscheinung. Der Tod als prächtiger Augenblick. Es gilt zu hoffen, dass Brauer ihn als solchen erlebt hat. Seine letzten Worte jedenfalls zeugen von einem zufriedenen, bunten Leben: „Ich war so glücklich mit meiner Frau, mit meiner Familie, mit meiner Kunst und meinem Wienerwald. Aber es gibt eine Zeit, da lebt man, und es gibt zwei Ewigkeiten, da existiert man nicht.“ In der Nacht auf Montag ist der Wiener Überkünstler im Alter von 92 Jahren im Kreise der Familie verstorben.

Bis zuletzt hatte Brauer intensiv gearbeitet. Etwa an einem Denkmal, das am Wiener Flughafen an die Opfer des Konzentrationslagers, welches während der NS-Zeit auf dem Areal bestanden hat, erinnern soll. Sobald es die Corona-Situation zulässt, will der Flughafen die Gedenkstätte der Öffentlichkeit übergeben.

📽️ Video | Arik Brauer ist tot

Ein Maler sei er schon immer gewesen, antwortete Arik Brauer auf die Frage, wie er zur Kunst gekommen sei. In erster Linie war Brauer Künstler, in zweiter „Zeitzeuge vom Dienst“. So jedenfalls bezeichnete er sich selbst gerne. In zahlreichen Gesprächen erzählte er vom dunkelsten Kapitel der österreichischen Geschichte, das er in einem Schrebergarten versteckt überlebt hatte. Geboren wurde der „Ottakringer Bua“ 1929 in eine zunächst unbeschwerte Kindheit. Zum Juden sei er erst durch Hitler geworden, bemerkte Brauer später. Den Verlust seines Vaters, der 1944 in einem KZ in Lettland ermordet wurde, verarbeitete er in mehreren Bildern.

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Gelernt hat Brauer das Malen an der Akademie der bildenden Künste, an der er bei Herbert Boeckl und Albert Paris Gütersloh ab 1945 studierte. Danach lieferten vor allem ausgedehnte Reisen die nötige Inspiration für seine sagenhaften Werke. Mit Ernst Fuchs, Rudolf Hausner und Anton Lehmden begründete er die „Wiener Schule des Phantastischen Realismus“, die dank Wanderausstellungen schon bald große Popularität erlangte, gleichzeitig aber auch Kritik einstecken musste. Der altmeisterliche Stil und die phantastischen Motive wurden von Teilen des Feuilletons abgelehnt und als eine Art Fortschrittsbremse abgetan. Schließlich schien der Surrealismus der Zwanziger, aus dem der Phantastische Realismus augenscheinlich schöpfte, von Abstraktem Expressionismus, Informel, Pop-Art und bald auch Konzeptkunst längst überwunden.

Zuletzt, zu seinen späten Jubiläen, luden Österreichs Museen aber zur Retrospektive auf einen der ganz Großen der heimischen Kunstgeschichte. Und fokussierten im Gesamtwerk des Künstlers bisher unbeachtete Aspekte. Das Salzburg Museum etwa beleuchtete 2019 zum 90er von Arik Brauer Frauenschicksale in seinen Malereien. Das Wiener Dommuseum hingegen untersuchte einmal seine Auseinandersetzung mit dem „Überkunstwerk Bibel“.

📽️ Video | Künstlergespräch mit Arik Brauer

Zeitgeschichtliches und Persönliches verarbeitete Brauer mit Vorliebe musikalisch. Lieder wie „Sie ham a Haus baut“ oder „Hinter meiner, vorder meiner“ begründen den Austropop Anfang der Siebziger mit. Bewusst verwendete er als Chansonnier den Dialekt, um sozialkritische oder antifaschistische Themen zu besingen. Die Auseinandersetzung mit seiner Sprache behielt er bis zuletzt bei, in „Wienerisch für Fortgeschrittene“, das im Herbst 2020 erschien, fühlt er der Sprachmelodie von Potschochtern, Palawatsch oder Palatschinken nach.

Zu erzählen hatte Brauer viel, nicht nur als Künstler, Bühnenbildner oder Liedermacher. Er war stets ein Mahner. 2019 war er erster Träger des Fritz-Csoklich-Demokratiepreises und hielt anlässlich der Verleihung ein flammendes Plädoyer für eine „Weltdemokratie“. Die Ereignisse seiner Jugend im Hinterkopf, mahnte er 2018 im ORF: Die Menschen seien zu so schrecklichen Taten wie der maschinellen Tötung von Juden im Stande. „Wir müssen ununterbrochen ringen und kämpfen gegen uns selbst“, so Brauer. Die Demokratie sah er stets als „gefährdetes Pflänzchen“.

Leider lehrt uns die Gegenwart, dass Arik Brauer, besonders was diesen Aspekt betrifft, mehr Realist denn Phantast war.

Zum Tod von Arik Brauer:

ORF  2 sendet heute Abend (22.35 Uhr) Helene Haimanns „kreuz und quer“-Dokumentation „Arik Brauer. Eine Jugend in Wien“. Am 28. Jänner wiederholt Ö1 (21 Uhr) eine Ausgabe von „Im Gespräch“ mit Brauer aus dem Jahr 2012.


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