Journalistin Eva Reisinger als Autorin: Erklär mir doch bitte Österreich!

Eva Reisingers kritisch-satirische Annäherung an das Land ihrer Herkunft. Ihr erstes Buch „Was geht, Österreich?" bietet ein Alphabet österreichischer Auffälligkeiten.

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Kritischer Blick auf Österreich: Eva Reisinger.
© Lukas Gansterer

Von Markus Schramek

Wien, Innsbruck – Ein Alphabet österreichischer Auffälligkeiten, von A wie Amen bis Z wie Zuckerl: Die Journalistin Eva Reisinger, Jahrgang 1992, hat ihr erstes Buch veröffentlicht. „Was geht, Österreich?“ ist eine Art rot-weiß-rotes Erklärstück. Es liest sich rotzfrech (inklusive einer pseudo-erotischen Annäherung an Kanzler Kurz), wird in kleinen Kapitel-Häppchen serviert und mit Kochrezepten (© die Mutter der Autorin) garniert: Nusstorte, Schnitzel, Kaiserschmarren – Verlockungen der heimischen Küche, für die nicht nur unsere nördlichen Nachbarn so schwärmen.

Kapitel P wie „Piefke"

Apropos. Deutsche müssen bei der Lektüre stark sein. Im Kapitel P wie „Piefke“ kommt es für sie knüppeldick: der Österreicher und sein sehr zwiespältiges Verhältnis zu den Bewohnern jenseits des Weißwurstäquators ...

Andererseits können Deutsche Reisingers Buch für den nächsten Österreich-Urlaub vormerken (wann immer ein solcher wieder möglich sein wird). Seitenweise listet die Autorin Austriazismen auf: Ausdrücke, die einer Übersetzung bzw. Erläuterung bedürfen. In Wien also bitte immer „Spritzwein“ bestellen, bloß nicht „Weißweinschorle“.

Reisinger hat in Berlin gelebt und dort für ze.tt, das Online-Magazin des Zeit-Verlags, österreichische Skurrilitäten als Serie aufgeblättert.

In Berlin wuchs die kritische Distanz

Bei vielen wächst mit der Distanz auch die Liebe zur Heimat. Bei Reisinger, die inzwischen nach Wien übersiedelt ist, wuchs in Berlin die kritische Distanz. Was sich in Österreich abspielte, vor und nach der Ibiza-Affäre, brachte ihr Blut in Wallung. So schwanken die Tonalität ihres Buchs zwischen salopp-satirisch und bitter-ernst und die Themen zwischen „ganz lustig“ und „sehr lesenswert“.

Die Autorin schildert detailreich (Achtung, Mageninhalt auf der Flucht!) ihre alkoholgetränkte Jugend in der oberösterreichischen Pampa. „Dingenskirchen“ nennt sie ihren Heimatort stellvertretend für Kaffs zwischen Bregenzer- und Wienerwald.

Reisingers Teenagerzeit ist unspektakulär, wie sie nur sein kann, erster Kuss, erster Tschick, sexuelles und politisches Erwachen. Schon als Schülerin stellt es ihr die Nackenhaare auf, wenn im Freundeskreis der FPÖ gehuldigt wird und mit zunehmendem Wodkabull-Dampf die Äußerungen weit über den rechten Rand hinaus driften.

Vertieft sich die Autorin ins Politische, wird es spannend, messerscharf ist ihre Analyse. Rechtsruck, braune Flecken, Rassismus: Österreich müsse sich diesen verdrängten bzw. heruntergespielten Themen stellen, sonst werde das Erwachen böse sein. Zu diesem Befund würde man von Reisinger gerne mehr lesen. Ihre Jugend als Landei wird ja einmal überwunden sein.

Erklärbuch Eva Reisinger: Was geht, Österreich? KiWi Taschenbuch, 288 Seiten, 12,40 Euro.


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