T.C. Boyles neuer Roman über das Tier im Wir

T. C. Boyle erzählt in seinem Roman „Sprich mit mir“ vom Bewusstsein eines Affen und bösen Menschen.

  • Artikel
  • Diskussion
T. C. Boyle zählt zu den im deutschen Sprachraum populärsten US-Gegenwartsautoren.
© Foto TT / Rudy De Moor

Innsbruck – Normalerweise wäre T. C. Boyle bereits da. Nicht unbedingt in Innsbruck, wo er vor gut zwei Jahren seinen Roman „Das Licht“ im restlos ausverkauften Treibhaus vorstellte. Aber irgendwo im deutschen Sprachraum wäre er unterwegs. In den USA ist Boyle ein sehr bekannter, hoch geschätzter Schriftsteller. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist er ein Star-Autor und Publikumsmagnet. Einer, der Hallen füllt. Doch heuer bleiben Hallen, in denen gerade nicht getestet wird, vorerst leer – und Boyle sitzt in Kalifornien. Seinen neuen Roman „Sprich mit mir“ präsentierte er am vergangenen Wochenende von dort aus mittels Videogruß.

Platonische Liebesbeziehung mit einem Schimpansen

In „Sprich mit mir“ greift Boyle ein Thema auf, das ihn seit seinen schriftstellerischen Anfängen beschäftigt. Schon in der frühen Erzählung „Tod durch Ertrinken“ entwarf er Ende der 1970er-Jahre eine innig-platonische Liebesbeziehung zwischen einer jungen Frau und einem Schimpansen. Mit „Sprich mit mir“ wird die Skizze zum Roman.

Der Psychologe Guy Schemerhorn bringt dem Schimpansenjungen Sam das Sprechen durch Gebärden bei. Die menschenscheue Studentin Aimee bewirbt sich bei Schemerhorn als Assistentin, und als sie Sam zum ersten Mal ins braune Auge blickt, hat ihr Leben für sie einen Sinn bekommen. Sam nimmt Aimee als Mutterersatz und Freundin sofort in Beschlag. Doch dem Projekt werden die Forschungsgelder gestrichen. Sam, der Gin Tonic und Pinot noir mag und gelegentlich raucht – auch „Sprich mit mir“ spielt in den 70er-Jahren, am Höhepunkt universitärer Verhaltensforschung –, droht der schleichende Tod als Labor­affe. Aimee büxt mit ihm aus. Die „Campus Novel“ wird zum „Roadmovie“, das auf ein böses Ende zusteuert.

Zeitkolorit mit einem filmischen Gespür für Montage und Timing

Als Roman folgt „Sprich mit mir“ dem bestens erprobten Boyle-Bausatz: Viel Zeitkolorit in schnörkellosen Sätzen, ein beinahe filmisches Gespür für Montage und Timing. Der Vorhersehbarkeit des Plots begegnet Boyle mit einem dramaturgischen Kniff: Er erzählt alternierend aus verschiedenen Perspektiven. Für eine kriecht der Text in Sams Käfig – und lässt den Affen seine Erfahrungen in Worte fassen. Auch die, für die er keine Worte hat. Das könnte kitschig werden. Bei Boyle ist Effekt aber vor allem eines: effektiv. „Sprich mit mir“ ist ein Buch über das Menschliche im Tier. Und über Menschen, denen in ihrer gefühlten Überlegenheit alles Menschliche abgeht. Zu T. C. Boyles besten Romanen zählt „Sprich mit mir“ nicht. Erschütternd ist er trotzdem. (jole)

"Kaiserschmarrndrama": 50x2 Karten für den Premieretag gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

Roman T. C. Boyle: Sprich mit mir. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, 350 Seiten, 25.70 Euro.


Kommentieren


Schlagworte