EU-Projekt: Herdenschutz vor Wolfabschuss

Ein grenzübergreifendes EU-Projekt will Landwirte in Österreich, Bayern, Südtirol und dem Trentino bei der Planung und Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen unterstützen.

Hirten wären für die Verantwortlichen eine Möglichkeit des Herdenschutzes der Zukunft.
© European Wilderness Society

Von Nikolaus Paumgartten

Wien, Innsbruck – Die Rückkehr der großen Beutegreifer stellt Nutztierhalter im alpinen Raum zunehmend vor Herausforderungen. So haben in den vergangenen Jahren Wolfsangriffe auf Schaf- und Ziegenherden vor allem auch in Tirol massiv zugenommen. Während auf der einen Seite der Ruf nach der Möglichkeit einer Entnahme des streng geschützten Wolfes immer lauter wird, pochen vor allem Naturschutzorganisationen auf andere Strategien. Immer wieder ins Treffen geführt werden dabei Herdenschutzmaßnahmen.

Initiative LIFEstockProtect

Mit der Initiative LIFEstockProtect hat sich vergangenes Jahr ein Zusammenschluss von 17 Partnern die finanzielle Unterstützung der EU-Kommission gesichert, um Tierhaltern in Österreich, Bayern, Südtirol und dem Trentino Möglichkeiten aufzuzeigen, wie die Herden auf den Almen geschützt werden können. Das auf fünf Jahre angelegte Projekt verfügt über ein Budget von 4,9 Millionen Euro, drei Viertel davon stammen aus dem Fördertopf der EU. Mit dabei als Projektpartner sind über die Beteiligung am „Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs“ auch die Bundesländer sowie unter anderem Vertreter von Landwirtschaft, Almwirtschaft, Jagd, Forst sowie Umweltschutz.

Per Zoom-Meeting lud gestern LIFEstockProtect zur ersten alpinen Herdenschutzkonferenz, bei der das Projekt vorgestellt wurde und Nutztierbesitzer aus Österreich, Südtirol und Bayern über ihre Erfahrungen mit dem Herdenschutz berichteten. Rund 500 Interessierte nahmen daran teil. „Es geht darum, Möglichkeiten auszuloten, die uns der Herdenschutz gibt, damit jeder seine Tiere in Sicherheit weiß“, erklärt Projektleiter Otto Gasselich von BIO Austria Niederösterreich und Wien. Dabei gelte es, im Rahmen der rechtlichen Bestimmungen passende Lösungen zu finden. „Und die räumen dem Wolf eben einen außerordentlich hohen Schutzstatus ein“, so Gasselich.

„Das Projekt ist keines für oder gegen den Wolf. Es konzentriert sich auf den Herdenschutz“, unterstreicht auch Klaus Pogadil vom „Österreichzentrum Bär, Wolf, Luchs“. Die Entnahme eines so genannten Problemwolfes sei derzeit rechtlich nur dann möglich, wenn zuvor im Bereich des Herdenschutzes alles unternommen wurde, betonen die Projekt-Initiatoren.

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Ausbildungsprogramm für Herdenschutz

Mit einem groß angelegten Ausbildungsprogramm will sich LIFEstockProtect auf den Herdenschutz von Pferd, Schwein, Geflügel, Rind, Schaf und Ziege konzentrieren. In den kommenden fünf Jahren werden in den Projektländern mehr als 1000 Landwirte, Herdenschutzberater und Hirten aus- und weitergebildet. Zusätzlich ist die Installierung von 20 Herdenschutzkompetenzzentren in den drei Ländern geplant. Nach Abschluss der vorbereitenden Maßnahmen sind flächendeckende Ausbildungskurse im Herbst 2021 vorgesehen.

In Wahrheit sei man mit der Initiative sehr spät dran, räumt Projektmanager Max Rossberg ein. „Es geht jetzt ein bisschen darum, die Versäumnisse der vergangenen zehn Jahre aufzuholen. Aber so ist der Mensch eben: Er geht erst zum Arzt, wenn es wehtut.“ In den vergangenen Jahrzehnten habe sich im Bereich der Almwirtschaft ein System eingespielt, das nun durch den Wolf in Frage gestellt wird, meint Rossberg. „Und wir tun uns mit diesen Veränderungen schwer. Aber ohne Veränderung wird es nicht gehen.“

Herdenschutzmaßnahmen können für die Betroffenen nur individuell gestaltet werden. „Es gibt da keine Lösung, die in jeder Situation überall garantiert funktioniert. Dazu sind Flächen, Betriebe und Tierhalter zu unterschiedlich“, sagt Rossberg. Keinesfalls wolle man dabei Tierhaltern Herdenschutzprojekte aufzwingen. „Wir stellen lediglich den Werkzeugkasten zur Verfügung und wollen das passende Handwerkszeug vermitteln.“

Dass das nicht in jeder Landwirtschaft klappe, ist den Projektpartnern klar. „Es wird auch einige Betriebe geben, wo Herdenschutz nicht funktioniert und die vorzeitig aufgeben müssen“, meint Max Rossberg. Grundsätzlich sei Herdenschutz aber in allen Gebieten möglich. „Dass man beispielsweise behauptet, Herdenschutz könne im hochalpinen Raum nicht funktionieren, das gibt es nicht“, sagt der Experte. Immerhin gebe es genügend Beispiele für hochalpinen Herdenschutz.


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