"Individuelles optimieren": Rodel-Werkstatt trifft auf Formel-1-Know-how

Österreichs Kunstbahnrodler glänzen heuer. Damit das auch bei der WM am Königssee der Fall ist, wird die Materialentwicklung vorangetrieben.

ÖRV-Vizepräsident Andreas Stöckl
© ÖRV

Von Günter Almberger

Innsbruck – Morgen beginnt im Eiskanal am Königssee wieder die Jagd auf Bronze, Silber und Gold. Wer zu weltmeisterlichen Ehren kommen will, braucht aber mehr als nur ein gutes Rodelgefühl in der Bahn und Schnellkraft am Start. Ohne hochtechnisierten Untersatz reicht es nicht einmal mehr für das „Dabeisein“.

Als Doppel-Olympiasieger Andreas Linger vor 30 Jahren seine ersten Kunstbahnrodel-Versuche unternahm, steckte die Materialentwicklung noch in den Kinderschuhen. „Damals gab es zwei, drei Schlitten-Größen. Man nahm dann einfach den, auf den man am besten passte“, erinnert sich Linger zurück. Der Rodelsport hat sich inzwischen weiterentwickelt und Linger seine erfolgreiche Karriere beendet – er ist nun Technologie-Verantwortlicher im Österreichischen Rodelverband.

Stöckl kann mit der Testrodel insgesamt 96.000 Messpunkte pro Minute aufzeichnen.
© ÖRV

Heute heißt die Devise in Sachen Material „individuelle­s Optimieren“. „Im Rahmen einer Pilotförderung zur Sportgeräteentwicklung haben wir seit 2018 die Möglichkeit, uns ganzjährig diesem Them­a zu widmen“, erklärt Linger. So sind die Schlitten, auf denen David Gleirscher und Co. aktuell unterwegs sind, individuel­l angepasst­e Prototypen: im Windkanal erprobt und aerodynamisch berechnet.

Neben Linger ist vor allem Andreas Stöckl an der Weiterentwicklung der Schlitten beteiligt. Der Unternehmer, der seit 2020 auch ÖRV-Vizepräsident ist, hat sich dem Thema Messung verschrieben. „Wir haben eine eigene Test­rodel, auf der wir Sensoren verbauen. Die Daten werden erfasst und ausgewertet. Sobald die Bahn in Bludenz fertig ist, wollen wir dort so viel­e Messfahrten wie möglich unternehmen. Die Ergebnisse werden über den Sommer analysiert, im Herbst wollen wir dann verschiedene neue Komponenten zur Verfügung haben“, schildert Stöckl. Der ÖRV-Vize hat ein Ziel fest vor Augen: „Wir wollen bei den Olympischen Spielen 2022 den schnellsten Schlitten am Start haben.“

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Für dieses Vorhaben hat der ÖRV einen prominenten Partner gefunden. Präsident Markus Prock konnte seine Kontakte zu Franz Tost, dem Tiroler Teamchef des Formel-1-Rennstalls Alpha Tauri, nutzen. „Wir durften in ihrem Werk in Faenza unser Projekt bzw. die Messrodel präsentieren. Sie waren von der Komplexität der Rodel beeindruckt. Seitdem findet in einigen Teilbereichen ein Austausch statt“, berichtet Linger stolz.

Das zweite große Technologie-Thema betrifft die Reproduzierbarkeit. Während früher Athleten und Trainer in der Werkstatt ihre Schlitten selbst bauten, kommt heute eine deutsche Hightech-Firma ins Spiel. „Wenn du dein perfektes Set-up gefunden hast, versuchst du es über Jahre zu pflegen. Bei Schaden durch Stürze oder Abnutzung können wir identisch nachproduzieren lassen. Ein Meilenstein im Vergleich zur Vergangenheit, als man immer versucht hat, alles irgendwie zu flicken“, erläutert der Doppel-Olympiasieger und fügt hinzu: „Es können noch so viele Firmen beteiligt sein, noch so viel Budget dahinterstecken: Wenn der Athlet nicht mit Eigeninitiative dabei ist, wenn er nicht am Feedback interessiert ist, springt nichts raus.“

Doch eines ist bei all der Technologisierung geblieben: „Die handwerkliche Feinabstimmung an Kufe und Schiene ist eine jahrzehntelange Konstante, die durch nichts zu ersetzen ist. Es gibt so viele Variablen wie Fahrstil, Tagesverfassung oder Umgebung, das wird nie zu automatisieren sein. Mittlerweile ist so viel digitalisiert, aber das Gefühl im menschlichen Finger sorgt dafür, dass die letzte Feinabstimmung ein Handwerk bleibt“, betont Linger.


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