St. Johanner Ärztin: Aus der Wohlstandsblase in den Busch Ost-Kongos

Die Allgemeinmedizinerin Lisa Finger war für Ärzte ohne Grenzen im Kongo. Dort lernte die gebürtige St. Johannerin eine neue Realität kennen.

Improvisieren war für Lisa Finger an der Tagesordnung.
© MSF/Finger

Von Nikolaus Paumgartten

St. Johann i. T., Wien, Kalehe –Atongwe ist zweieinhalb Jahre alt. Als Lisa Finger ihn das erste Mal sah, schrie der Bub vor Schmerzen, rang nach Luft, litt unter massivem Sauerstoffmangel. Als Medizinerin für Ärzte ohne Grenzen im Kongo war das Improvisieren für die gebürtige Tirolerin Teil der täglichen Arbeit. Und weil es in der Krankenstation in Kalehe kein Ultraschallgerät gibt, musste die Diagnose per Ausschlussverfahren gestellt werden. Rasch war klar: Atongwe leidet unter einem angeborenen Herzfehler. „Wir haben ihm dann Sauerstoff gegeben und ihn stabilisieren können“, berichtet die Ärztin.

Der zweieinhalb Jahre alte Atongwe hat einen angeborenen Herzfehler.
© MSF/Finger

Die St. Johannerin, die heute in Wien lebt und auch dort studiert hat, ist unlängst nach einem sechsmonatigen Auslandseinsatz aus dem Kongo zurückgekehrt. Schon als Studentin hatte sie das Land im Rahmen eines Projektes für ihre Diplomarbeit besucht – und dabei lieben gelernt. „Die Menschen dort sind voller Lebenslust und Lebensfreude. Diese Jammerei wie bei uns gibt es dort nicht“, erklärt sie. Für die nun 31-Jährige war es einerseits eine Portion Abenteuerlust, vor allem aber der Wunsch, anderen Menschen zu helfen, der sie erneut in das zentralafrikanische Land geführt hat. „Ich wollte einen Beitrag leisten. Denn wir leben hier in Österreich in einer Wohlstandsblase“, sagt Lisa Finger.

In der Region Süd-Kivu im Ost-Kongo mitten im Busch gibt es kaum befestigte Straßen. Die Menschen haben oft bis zu sechs Stunden Fußmarsch hinter sich, ehe sie das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen erreichen. Behandelt werden dort vor allem Patienten mit Malaria, Mangelernährung, Durchfall, Tuberkulose und HIV. Aber auch Verbrennungen von Feuerstellen oder Schusswunden gilt es zu behandeln – die Region liegt in einem Krisengebiet, in dem es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommt. Wer in ein Krankenhaus muss, kann daher wegen der Rebellengruppen nur am Tag reisen, berichtet Lisa Finger.

Medikamente werden zu Fuß angeliefert oder kommen mit dem Hubschrauber. Nicht immer ist alles dabei, was gerade benötigt wird. Dann heißt es wieder improvisieren und das Beste aus der Situation machen.

Wie alt der zweieinhalbjährige Atongwe werden wird, kann Lisa Finger nicht sagen. Für ihn gibt es keine Heilungschance. Zumindest nicht im Kongo außerhalb der Wohlstandsblase. „Bei uns wäre das problemlos heilbar“, sagt die Ärztin. Hier könne man das Leid nur lindern. „Und das ist schon superfrustrierend.“


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