Virtuelle Exkursion ins Schlaraffenland für Baukünstler

Virtuelle Reise durch die neuere Südtiroler Architekturlandschaft. Halt gemacht wird an 43 Stationen, bei neu Gebautem oder Weitergebautem.

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Skulptural durchpulst: das von Walter Angonese & Studion Marastoni in Bozen gebaute Sammlerhaus
© g.r. wett

Von Edith Schlocker

Innsbruck – Südtirol kann nicht nur stolz auf die unzähligen Baudenkmäler aus vergangenen Zeiten sein, sondern auch auf so manches, das heute gebaut worden ist. Was dem Land international den Ruf eines baukünstlerischen „Schlaraffenlands“ eingebracht hat, was nicht zuletzt mit einer über viel­e Jahre auf hohem Niveau gepflegten Wettbewerbs-kultur zu tun hat. Ein Ruf, der allerdings durch zunehmend „verbürokratisierte Ausschreibungs­verfahren“ mehr und mehr verspielt werde, wie Architekt Georg Klotzner, der Präsident von Kunst Meran, im Vorwort des Buchs „Neue Architektur in Südtirol. 2012–2018“ schreibt.

Das den Anspruch erhebt, eine objektive Bestandsaufnahme außergewöhnlicher neuer Südtiroler Architekturen zu sein. Und zwar nicht nur ihrer baukünstlerischen Handschriften wegen, sondern auch durch die Sensibilität, mit der sie auf Landschaftliches und Nachbarschaftliches reagieren. In der Neuinterpretation autochthoner Vorbilder genauso wie althergebrachter Baustoffe.

Das Haus der Vereine von Stifter + Bachmann.
© O. Jaist

Anhand der 43 Projekte, die für das Buch ausgewählt wurden, unternimmt der Leser bzw. Seher eine Reise vom Vinschgau bis ins östliche Pustertal, vom Tal bis auf den Berg. Um bei Industriearchitekturen genauso halt zu machen wie bei noblen Hotels, Wohnbauten, Friedhofserweiterungen, Gemeindezentren, Einfamilienhäusern oder Berghütten.

Etwa der von Stifter + Bachmann Architekten als monumentaler Solitär auf mehr als 3000 Metern Seehöhe in die steinige Landschaft des Ahrntals gepflanzte Neue Schwarzensteinhütte. Wie eine moderne Burg kommt dagegen das Haus daher, das Walter Angonese & Studio Marastoni in Bozen für einen Kunstsammler entworfen hat. Abseits des historischen Stadtkerns von Glurns wird Whisky in einem minimalistischen, aus terrakottafarbenen Betonziegeln gebauten Würfel von Werner Tschol gebrannt, dessen Fassadenraster reizvoll durchlässig strukturiert ist.

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Hotel Sand in Tschars von Marx Ladurner Architekten.
© R. Stiller

Das Hotel Sand, das Marx Ladurner Architekten in Tschars gebaut haben, ist in seiner klaren Formensprache als Ansage gegen heimattümelnd­e touristische Klischees angelegt. Ein spannendes Thema für jeden Architekten ist das Weiterbauen bestehender Strukturen. Und zwar ohne sich formal zu prostituieren. Wie das funktionieren kann, führt etwa Arnold Knapp mit seiner kleinen Totenkapelle vor, die er neben die Kirche auf dem Schnalstaler Katharinaberg gestellt hat. Dass Markus Scherer und Walter Dietl begnadete Weiterbauer sind, beweisen sie wieder einmal mit ihrem Info-Point Brennerbasistunnel in Franzensfeste. Gute Architektur kann aber auch im ganz Kleinen stattfinden. Wenn etwa Lukas Mayr in Percha ein unscheinbares altes Häuschen wundersam sorgsam in „gebaute Poesie“ verwandelt.

Buchtipp

Neue Architektur in Südtirol 2012–2018. Hrsg. Kunst Meran. 352 S., viele Abbildungen, Park Books, 58 Euro.


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