Corona-Krise als Zerreißprobe für junge Familien

Die Zahl der Familienberatungen in Schwaz hat sich vervielfacht. Gründe sind überforderte Mütter, suizidgefährdete Teenager und Beziehungskrisen.

Von Angela Dähling

Schwaz – Bis zu 20 Stunden wöchentlich arbeitet Avelina Martinez-Löffler normalerweise als Leiterin der Familienberatungsstelle BEKiZ in Schwaz. Seit dem Herbst sind es oft bis zu 50 Stunden.

„Wir haben drei- bis viermal so viele Anfragen wie sonst“, erklärt sie. Die Situation sei vor allem bei jungen Familien durch die Corona-Notmaßnahmenverordnungen sehr belastend. „Waren bisher 2/3 unserer Klienten aus sozial schwachen Familien, überwiegen jetzt die gut strukturierten Familien, weil sie deutlich überfordert sind“, sagt Martinez-Löffler. „Etliche Eltern müssen anspruchsvoller Arbeit nachgehen und zusätzlich mehrere Kinder im Home-Schooling betreuen – oft ohne genügend Rückzugsmöglichkeiten aufgrund offener Wohnküchen. Hinzu kommen Existenzängste, Beziehungskonflikte und mitunter auch Druck in der Schule“, gibt die Familienberaterin einen Einblick in die Probleme vieler Familien.

Was auch auffallend sei: „Bei den Frauen bleibt alles hängen. Es gibt etliche, die bei mir weinen, weil einfach alles zu viel wird“, schlägt Martinez-Löffler Alarm. Beziehungskrisen hätten deutlich zugenommen, seien dramatischer als sonst und machen auch vor Schwangeren nicht Halt. „Interessanterweise haben aber die Elterngespräche, die für eine einvernehmliche Scheidung bei einer Familienberatung verpflichtend durchzuführen sind, abgenommen“, sagt Martinez-Löffler. Die Gründe kenne sie nicht, möglicherweise seien Finanzsorgen und Existenzängste zu groß, um eine Scheidung durchzuziehen.

Wie sehr Kinder und Jugendliche unter Kontaktbeschränkungen und Home-Schooling leiden, erfährt die Schwazer Familienberaterin auch tagtäglich. „Wir haben zunehmend mit Kindern und Jugendlichen zu tun, bei denen erhöhte Suizidgefahr besteht“, sagt sie. Etlichen Jugendlichen fehle durch das monatelange Home-Schooling die Tagesstruktur, speziell wenn die Eltern selbst arbeiten müssen. Zudem fehle ihnen Bewegung. „Sie ziehen sich zurück, verfallen in Apathie, werden depressiv, vereinsamen und finden sich schwer zurecht, weil ihnen Gleichaltrige fehlen.“

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Avelina Martinez-Löffler findet es daher extrem wichtig, dass die Schulen wieder öffnen und dass Kindern und Jugendlichen das Treffen mit Gleichaltrigen ermöglicht wird: „Sie brauchen sich gegenseitig.“

Das weiß auch Hildegard Danler, Direktorin der Volksschule Johannes Messner in Schwaz. „Zudem vermissen die Kinder die Lehrer und wir vermissen die Schüler“, sagt sie. Der Großteil der Volksschüler komme in die Schule, aber nicht singen und turnen zu dürfen und Abstand zu halten, belaste alle. Um Bewegung zu ermöglichen, verlege man vieles ins Freie. „Alle Erstklässler bei uns erhalten mit Ferienbeginn eine Urkunde – und den Eltern müsste man auch eine verleihen als Wertschätzung dafür, was sie zu Hause geleistet haben“, meint die Schuldirektorin.


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